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Editorial zum virtuellen W&K Forum Resilienz

Ambivalenzen im Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst

Resilienz ist zu einem der zentralen Stichworte der Krise geworden: Eine resiliente Gesellschaft übersteht den Lockdown, resiliente Menschen kommen auch mit Kontaktarmut klar und meistern unsichere Lebensverhältnisse. Wer von uns wäre also nicht gern widerstandsfähig gegen Einsamkeit, Arbeitsverlust oder Arbeitsüberlastung, angesichts von Schicksalsschlägen, die das Leben bereithält? Wir möchten alle jene psychische Widerstandskraft und Adaptation entwickeln, die uns ermöglicht schwierige Lebensumstände ohne nachhaltige Beeinträchtigungen zu überstehen.

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Resilienz, so legen zahlreiche Beiträge und Angebote im Internet und der realen Welt nahe, lasse sich trainieren. Ein verbreitetes Modell stützt sich auf sieben Säulen (z.B.: https://www.oberbergkliniken.de/artikel/resilienz-staerken): Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung, Opferrolle verlassen, Verantwortung übernehmen und Zukunft planen. Da schleichen sich Zweifel und Fragen heran. Schon der Optimismus hat es in sich:
Die US-amerikanische Autorin Barbara Ehrenreich hat ihre Erfahrungen während der eigenen Brustkrebserkrankung in Smile or Die verarbeitet, ein „gepfeffertes Buch“ (Süddeutsche Zeitung) (https://www.sueddeutsche.de/kultur/smile-or-die-gegen-die-widerliche-optimismus-industrie-1.995130) gegen den Virus des „positiven Denkens“. Nicht etwa, weil sie negatives Denken für besser hält, sondern weil sie den Umgang mit Schwerstkranken schonungslos offenlegt, wenn diese mit „Smile or Die“ noch selbst dafür mitverantwortlich gemacht werden, wenn es ihnen nicht gut geht. Menschen sind kein resistentes Material, so wie es die Physik versteht. Das geht nämlich einfach kaputt, wenn es nicht variabel genug auf Störungen reagiert. Dann wird es entsorgt und nicht mehr verwendet. Wir aber sind Menschen, kein Material und können damit mitunter robust, stur oder widerspenstig sein, bedrohliche Situationen aushalten und sogar gestärkt daraus hervorgehen, sind aber manchmal auch wütend, bedürftig, traurig, empathisch und verletzlich.

In unserer Vulnerabilität liegt auch ein Schlüssel zum Widerstand gegen unzumutbare Lebens- und Umweltbedingungen, wie Judith Butler (https://www.praktische-philosophie.org/pistrol-2016.html) ausgeführt hat. Resilienz-Trainings beinhalten aber weder das Nachdenken über die gesellschaftlichen Verhältnisse (schon gar nicht das Aufbegehren dagegen), noch die Solidarität mit den Betroffenen. Sie gleichen der Ratgeberliteratur, deren Rezepte für alle Lebenslagen sich darauf beschränken, uns immer auf uns selbst und unsere Innerlichkeit zurückzuwerfen. Wenn wir diesen Weg zur neoliberalen „Arbeit am Selbst“ (https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-93108-1_8) gehen, welche anderen Wege – etwa aus der Coronakrise – bleiben da auf der Strecke? Was ist mit Mitgefühl und Solidarität mit den Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, was mit demokratischem Meinungsstreit, was mit dem Nachdenken über andere Formen des Lebens und Arbeitens? Was mit der Lösung anderer brennender Probleme, wie der Klimakrise?

Als wir bei Künstler*innen und Wissenschaftler*innen angefragt haben, uns – auf Basis unseres Positionspapiers – Beiträge zu diesem virtuellen W&K-Forum zu Resilienz zu schicken, waren wir überrascht von der großen Resonanz. Entstanden sind Beiträge, die alle unsere Sinne ansprechen, sich ergänzen – mitunter auch in der Gegensätzlichkeit ihres Ansatzes. Aber schauen, hören und lesen Sie selbst. Wir danken von Herzen allen, die zu dieser Reise durch die Begriffsvielfalt von Resilienz Texte, Töne und Bilder beigetragen haben; Roswitha Gabriel hat kundig die Gestaltung übernommen und Ute Brandhuber-Schmelzinger uns administrativ unterstützt.

Wir werden diese Reihe in der dritten Märzwoche und nach den Osterferien weiter ergänzen. Gerne auch mit Ihren/Deinen Arbeiten, Kommentaren oder Feedbacks, per E-Mail an wissenschaft.kunst@sbg.ac.at oder wissenschaft.kunst@moz.sbg.at unter dem Betreff: W&K-Forum Resilienz.

Salzburg, im März 2021,
Katarzyna Grebosz-Haring, Elisabeth Klaus, Anita Moser und Romana Sammern

 

Headerbild: Ute Brandhuber-Schmelzinger