Corinna Peil

Digitale Resilienz

In der Auseinandersetzung mit Folgen der Digitalisierung scheinen in der öffentlichen Debatte und Wahrnehmung zunehmend die damit verbundenen Risiken in den Vordergrund zu rücken. Dass die vernetzte Kommunikation in der Corona-Krise maßgeblich dazu beigetragen hat, wichtige gesellschaftliche Bereiche trotz Social Distancing und Lockdown am Laufen zu halten, ist zwar weitgehend unbestritten. Aber seit einiger Zeit werden Probleme wie Internetabhängigkeit, ungleich verteilte Beteiligungschancen, Datenmissbrauch oder die Radikalisierung von Online-Diskursen verstärkt thematisiert. Vor diesem Hintergrund klingt so etwas wie „digitale Resilienz“ (Atteneder et al. 2017) fast wie ein Heilsversprechen: Den gegenwärtigen datengetriebenen Transformationsprozessen trotzen, sich von den neuen kommunikativen Infrastrukturen, der zunehmenden Technifizierung des Alltags und den Ausbeutungsstrukturen der digitalen Ökonomie nicht überrollen lassen, sondern ihnen etwas entgegensetzen – eben resilient zu sein in Bezug auf die enormen Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich gebracht hat und weiterhin bringt. Doch der vor allem aus der Psychologie bekannte, inzwischen auch in vielen anderen Disziplinen adaptierte Begriff der Resilienz ist aufgrund seiner auf Fortbestand und Systemerhalt zielenden Implikationen nicht unproblematisch.

Medienkommunikation findet überall und immer statt, ein Leben mit Medien ist angesichts der umfassenden medialen Durchdringung des Alltags, aber auch der zunehmenden Unsichtbarkeit vernetzter Kommunikation einem „media life“ (Deuze 2012) gewichen. Es gibt keine genau abgrenzbare Nutzung von Fernsehen, Radio, Zeitung etc. mehr (wenn es sie denn je gegeben hat), sondern es hat sich ein Zustand der „kommunikative[n] Dauervernetzung“ (Steinmaurer 2013) eingestellt. Dieser ist mit neueren Entwicklungen wie Datafizierung, Internet der Dinge und Künstlicher Intelligenz von der Ebene sichtbarer Phänomene und klar umrissener Situationen der Medienrezeption immer weiter in die Tiefenstrukturen des Alltags vorgedrungen. Vielversprechend erscheinen in diesem Kontext Zugänge, die nicht Einzelmedien fokussieren, sondern übergreifender bei alltäglichen medienbezogenen Handlungen, Routinen und Interaktionen ansetzen, wie sie etwa im Rahmen der „non-media-centric media studies“ (Morley 2007) verfolgt werden.

An eine solche Perspektive knüpft auch das neuerdings in der Medien- und Kommunikationswissenschaft diskutierte Konzept einer digitalen Resilienz an. Es bietet die Möglichkeit, den mit der Weiterentwicklung der Digitalisierung zusammenhängenden sozialen Wandel kritisch zu reflektieren. Trotz der berechtigten Kritikpunkte beinhaltet der Begriff drei Potenziale, die es im Hinblick auf eine digitale Resilienz weiter zu schärfen gilt. Erstens ist Resilienz kein stabiles Gebilde, sondern macht dann Sinn, wenn sie Wandel perspektiviert. Digitale Resilienz kann heute etwas anderes umfassen als morgen, es geht dabei nicht um fixe Zustände oder Eigenschaften, sondern um Flexibilität, Offenheit und die Fähigkeit, die im Zuge der Digitalisierung entstandenen Möglichkeitsräume bestmöglich zu nutzen. Zweitens darf digitale Resilienz nicht allein auf die Mikroebene des Individuums bezogen werden, sondern muss in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Prozessen gedacht werden. Um den Dynamiken des digitalen Wandels gerecht zu werden, ist diese erweiterte Perspektive auf die Interdependenzen von Mikro- und Makroebene zwingend notwendig. Denn für digitale Resilienz braucht es nicht nur befähigte Bürger*innen, sondern auch strukturelle Rahmenbedingungen für eine Gesellschaft, die mit den digitalen Herausforderungen umzugehen weiß und etwa auch in der Lage ist demokratiefeindliche Tendenzen abzuwehren. Drittens ist Resilienz an normativen Zielvorgaben ausgerichtet, die sich unter Bezugnahme auf eine digitale Ethik weiter konturieren ließen. Hierfür ist es allerdings essenziell, sich von den reaktiven und neoliberalen Tendenzen des Konzepts zu lösen und es in Richtung einer aktiven Gestaltung von soziotechnischen Wandlungsprozessen weiterzuentwickeln (vgl. Karidi et al. 2018; Maier-Rabler et al. 2019).

So verstanden benennt digitale Resilienz dann nicht weniger als das Ziel einer inklusiven und gerechten digitalen Gesellschaft. Deren Bürger*innen erhalten alle notwendigen Voraussetzungen, um sich affirmativ oder kritisch mit Digitalisierungsprozessen auseinandersetzen oder aber auch sich ihnen entziehen zu können, ohne einen gesellschaftlichen Ausschluss befürchten zu müssen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es kollektiver Anstrengungen und Maßnahmen, für deren Entwicklung und Ausformung die hier skizzierten theoretischen Überlegungen Orientierung bieten können.


 

Literatur

Atteneder, Helena/ Peil, Corinna/ Maier-Rabler, Ursula/ Steinmaurer, Thomas (2017): Digitale Resilienz und soziale Verantwortung. Überlegungen zur Entwicklung eines Konzepts. In: MedienJournal 41(1), 48-55. https://doi.org/10.24989/medienjournal.v41i1.349.

Deuze, Mark (2012): Media Life. Cambridge, UK, Malden, MA: Polity Press.

Karidi, Maria/ Schneider, Martin/ Gutwald, Rebecca (2018): Einleitung. In: Dies. (Hg.): Resilienz. Interdisziplinäre Perspektiven zu Wandel und Transformation. Wiesbaden: Springer, 1-11.

Maier-Rabler, Ursula/ Peil, Corinna/ Steinmaurer, Thomas (2019): ‚Make an Educated Choice‘. Capabilities für eine digital resiliente Gesellschaft. In: MedienJournal 43(4), 4-18. https://doi.org/10.24989/medienjournal.v43i4.1843.

Morley, David (2009): For a Materialist, Non-Media-centric Media Studies. In: Television & New Media 10(1), 114-116. https://doi.org/10.1177%2F1527476408327173.

Steinmaurer, Thomas (2013): Kommunikative Dauervernetzung. Historische Entwicklungslinien und aktuelle Phänomene eines neuen Dispositivs. In: MedienJournal 37(4), 4-17. https://doi.org/10.24989/medienjournal.v37i4.111.

 

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Corinna Peil forscht und lehrt in der Abteilung Center for ICT&S am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. Sie interessiert sich für mobile und vernetzte Kommunikation in Alltagskontexten und arbeitet derzeit an ihrer Habilitation zum Thema „Mediendekonvergenz aus Perspektive der Nutzer*innen“.

https://kowi.uni-salzburg.at/ma/corinna-peil/