Ilma Rakusa

Wach sein, zugewandt

Was mich gestern beglückte and made my day: ein rotes Eichhörnchen im Garten, das über die Wiese hüpfte und sich dann keck in die Büsche schwang; ein knallbunter Papierpapagei in einem fremden Garten, der sich gleichsam flatternd im Wind drehte; ein spätes Telefongespräch mit einem Herzensfreund, das uns beide zum Lachen brachte. So viel, so wenig braucht es für einen Tag. Ja, die Bewegungsmöglichkeiten sind eingeschränkt, der Radius verengt. Coronabedingt fällt manches weg. Doch stelle ich fest, dass meine Wahrnehmung für alles, was mich umgibt und beschäftigt, enorm geschärft ist. Ob Lektüre oder ein Papiervogel, ob ein Kinderschrei oder ein Fernsehbild: es prägt sich ein. Ich bin alert.

Alertheit bedeutet gesteigerte Aufmerksamkeit. Als wollte ich mir nichts entgehen lassen, nach dem Motto: Jetzt oder nie, nach der Devise: Staune wie zum ersten Mal. Tatsächlich ist mir diese Haltung wichtig. Denn es gäbe kein Schreiben ohne solche Wachheit, die Entdeckerfreude meint sowie die Fähigkeit, die Welt im Kleinen zu erfassen, und sei es in einer überraschenden Abfolge von Sätzen. Ob gross oder klein, was zählt, sind die Schritte, von hier nach dort, ein Abenteuer für sich. Da es Abzweigungen gibt, Umwege, auch bedenkliche Durststrecken. Und nichts wirklich vorhersehbar ist. Poesie sei die Kunst des nicht Voraussagbaren, schrieb der russische Nobelpreisträger Joseph Brodsky. Als Lyrikerin lebe ich mit dieser Tatsache. Und kann nicht leugnen, dass sie mir in dieser Corona-Zeit, die Planungen erschwert, ja obsolet macht, auch lebenspraktisch von Nutzen ist.

Meine Tage vergehen grösstenteils mit Schreiben, nicht erst heute, doch heute erst recht. Ich schreibe, umgeben von Tausenden von Büchern, mit Blick ins Grüne. Ein Privileg. Die Bücher sind Freunde, nicht Besitz. Ich unterhalte mich mit ihnen, sie geben Kraft und Halt. Nach ausgiebiger Zeitungslektüre zu einem Gedichtband zu greifen, ist ein geistiges Erfrischungsbad. Da sieh mal: diese ungewöhnlichen Sprachbilder, dieser suggestive Wortsound! Keine Floskeln, kein vorgestanztes Narrativ. Auch mein eigenes Schreiben zwingt mich heraus aus gedanklicher Routine und sprachlichen Stereotypen – hin zu phantasievollen, sensiblen Findungen. Weder Leben noch Kunst vertragen Vereinfachungen und Verallgemeinerungen. Der Komplexität von allem und jedem kommt nur Differenzierung bei. Eine Sprache, die keine Zwischentöne und Ambiguitäten kennt, gerinnt zur Ideologie. Und von der Rechthaberei zum Hass ist es nicht mehr weit.

Mein Widerstand gegen solche Tendenzen liegt im täglichen Versuch, der Sprache feinste Nuancen abzugewinnen. Sie beweglich und unverführbar zu machen, wahrhaftig und subversiv zugleich. Das ist nicht immer leicht, selbst wenn durch die Zeilen Eichhörnchen hüpfen. Aber ich übe, übe, schon seit Jahrzehnten, und werde es nicht müde.

Nein, Langeweile verspüre ich nicht. Die Welt ist da, vor mir, in mir. Und ein bisschen kann ich sie auch erschaffen, in Worten, die aufrütteln, besänftigen, neue Wege erproben, befreien, all of it. Und die im Glücksfall weiter reichen als gedacht. Grün, ohne Luftverschmutzung.

In Reverenz an die japanische Zen-Philosophie vollkommener Gegenwärtigkeit und ihre verdichtete Poesie hier zum Abschluss ein eigenes Haiku:

Wach sein, zugewandt.
Die Welt ist gross im Kleinen.
So nimm sie zur Hand.

 

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© Giorgio von Arb

Ilma Rakusa studierte Slawistik und Romanistik, sie lebt als Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin in Zürich. Zuletzt wurde ihre Arbeit mit dem Berliner Literaturpreis (2017) und mit dem Kleist-Preis (2019) ausgezeichnet.

www.ilmarakusa.info