Positionspapier für das virtuelle W&K-Forum

Resilienz als Ausweg aus der Krise?

Stimmen aus Wissenschaft und Kunst

Resilienz ist in aller Munde. Resilienz benennt die individuelle Fähigkeit, auf widrige oder bedrohliche Situationen durch Anpassung und Veränderung zu reagieren, und scheint zum zentralen Begriff geworden zu sein, wenn es um die Bewältigung der Coronapandemie und anderer gesellschaftlicher Krisen im Anthropozän geht.

Inzwischen wird der Begriff inflationär gebraucht. An dieser Ausweitung auf alle gesellschaftlichen Bereiche entzündet sich zunehmend Kritik, auch weil das Konzept damit seiner theoretischen Basis beraubt wird. Eingebunden in einen neoliberalen Diskurs trägt die Forderung nach Resilienz mitunter zur Individualisierung gesellschaftlicher Problemlagen bei. Für den homo resiliens wird laut Stefanie Graefe das Aushalten zur Maxime: „Resilienz verspricht ein besseres Durchkommen durch die Krise – nicht eine Veränderung der Verhältnisse.“ Als strategisches Staatsziel dient Resilienz zur Sicherung des Status Quo und verhindert grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, um tiefgreifende Krisen zu bewältigen oder ihnen vorzubeugen.

In Bezug auf die Klimakrise hat die Schriftstellerin Kathrin Röggla formuliert: „Ich gehe davon aus, dass Kunst etwas ist, das dem Nachhaltigkeitsgedanken dienlich ist. Wenn ich jetzt sage, unsere Mentalität muss sich ändern, unser Handlungsmuster muss sich ändern, unsere politischen Entscheidungen müssen sich ändern, dann ist Kunst etwas, das dafür gut ist.“ Kunst und Kultur regen zum Nachdenken jenseits eingefahrener Wege an und sie können neue Perspektiven eröffnen. Können, sollen, wollen sie auch dem Resilienzgedanken dienlich sein oder stehen sie quer dazu? Das Kunst- und Kulturfeld selber durchzieht diese Ambivalenz: Einerseits sind Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen gezwungen, „kreativ“ und resilient auf die Corona-Krise zu reagieren, andererseits wird genau dadurch das Fortbestehen der prekären Verhältnisse zementiert, in denen sich viele von ihnen befinden.

Mit unserem erweiterten W&K-Forum zur Resilienz sollen diese und andere Fragen aufgegriffen werden, indem vielfältige Stimmen dazu von Künstler*innen, Kulturakteur*innen und Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen in einen virtuellen Dialog miteinander treten. Ab Februar 2021 finden Sie dazu auf unserer Website unterschiedliche Beiträge, die bis zum April fortlaufend ergänzt werden.


 

Weiterführende Literatur:

Bröckling, Ulrich (2017): Resilienz. Über einen Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts. Online unter: https://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/broeckling/broeckling-resilienz (22.1.2021).

Graefe, Stefanie (2021): „Resilienz ist ein Alternativangebot zur Kritik“ im Interview mit Beate Hausbichler. In: derstandard.at vom 6.1.2021. Online unter: https://www.derstandard.at/story/2000122671694/soziologin-graefe-resilienz-ist-ein-alternativangebot-zur-kritik (22.1.2021).

Graefe, Stefanie (2019): Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit. Bielefeld: transcript.

Röggla, Kathrin (2018): „Kunst ist dem Nachhaltigkeitsgedanken dienlich.“ Geben wir der Zukunft Hoffnung! – Forum Langenlois II. Teilnehmerliste. Online unter: https://www.nachhaltigkeitneudenken.org/geben-wir-der-zukunft-hoffnung/ (22.1.2020).

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Virtual W&K Forum
Resilience as a Way out of the Crisis?
Voices from the Arts and Sciences

Resilience is on everyone’s lips. Resilience denotes the individual ability to respond to adverse or threatening situations by adapting and changing, and seems to have become the central concept when it comes to coping with the COVID-19 pandemic and other societal crises in the Anthropocene.

Currently, the term is being used exponentially. This expansion into all areas of society is increasingly sparking criticism, not least because it robs the concept of its theoretical basis. Integrated into a neoliberal discourse, the demand for resilience sometimes contributes to the individualization of social problems. According to Stefanie Graefe, endurance is becoming the maxim for homo resiliens: “Resilience promises a better way through the crisis – not a change in the circumstances.” As a strategic state goal, resilience serves to secure the status quo and hinders the fundamental societal changes that would overcome profound crises or prevent them.

With regard to the climate crisis, the author Kathrin Röggla has said: “I assume that art is something that is conducive to the idea of sustainability. If I now say our mentality has to change, our pattern of action has to change, our political decisions have to change, then art is something that is good for that.” Art and culture encourage people to think beyond well-worn paths and they can open up new perspectives. Can they – should they – do they also serve the idea of resilience, or do they stand at cross purposes to it? This ambivalence pervades the field of art and culture itself: on the one hand, artists and cultural workers are forced to react “creatively” and resiliently to the COVID-19 crisis; on the other hand, this is precisely what cements the continuation of the precarious conditions in which many of them find themselves.

Our expanded W&K Forum on resilience engages with these and other questions by bringing together the diverse voices of artists, cultural actors, and scholars from different disciplines in a virtual dialogue. Starting in March 2021, you will find various contributions on our website, which will be continuously updated until April.


 

Further Reading:

Bröckling, Ulrich (2017): Resilienz. Über einen Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts. Online: https://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/broeckling/broeckling-resilienz (accessed 22 January 2021).

Graefe, Stefanie (2021): “Resilienz ist ein Alternativangebot zur Kritik” (Interview with Beate Hausbichler). In: derstandard.at, 6 January 2021. Online: https://www.derstandard.at/story/2000122671694/soziologin-graefe-resilienz-ist-ein-alternativangebot-zur-kritik (accessed 22 January 2021).

Graefe, Stefanie (2019): Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit. Bielefeld: transcript.

Röggla, Kathrin (2018): “Kunst ist dem Nachhaltigkeitsgedanken dienlich.” Geben wir der Zukunft Hoffnung! – Forum Langenlois II. Teilnehmerliste. Online: https://www.nachhaltigkeitneudenken.org/geben-wir-der-zukunft-hoffnung/ (accessed 22 January 2020).

 

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Die Interuniversitäre Einrichtung Wissenschaft und Kunst ist eine Zusammenarbeit der Paris Lodron Universität und der Universität Mozarteum. Die Vermittlung von Wissenschaft und Kunst wird hier von den drei Programmbereichen übernommen und gestaltet:

  • Figurationen des Übergangs
  • (Inter)Mediation. Musik – Vermittlung – Kontext
  • Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion

https://w-k.sbg.ac.at