Ut pictura medicina. Visuelle Kulturen und Medizin

Über die traditionelle Verbundenheit von Kunst, Anatomie und Optik hinaus legen frühneuzeitliche Quellen einen breiten und komplexen interdisziplinären Wissenstransfer zwischen Kunst und Medizin nahe: Lorenzo Ghiberti beispielsweise differenzierte in seiner Empfehlung an die Künstler, sich neben „Anatomie“ zusätzlich mit „Medizin“ zu beschäftigen. Ein Aspekt dieser Beziehung betraf etwa die Aufgabe beider Disziplinen, die Merkmale eines bestimmten Menschen unter Berücksichtigung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten zu erfassen. Deshalb baten Ärzte Künstler um die Herstellung von Farbskalen für die Diagnostik, und umgekehrt bedienten sich Künstler medizinischen Wissens, um ihr visuelles Urteilsvermögen zu verbessern. Ein anderer Aspekt des Verhältnisses zwischen Kunst und Medizin betraf die historisch-sozialen Rahmen: Künstler und Ärzte teilten nicht nur den Heiligen Lukas als gemeinsam Schutzpatron, sondern in einer Stadt wie Florenz auch die gleiche Zunft und die Debatten um ihren ‚freien‘ Status innerhalb der Künste (artes). Damit verbunden ist eine vergleichbare historische Entwicklung ihrer disziplinären und sozialen Geschichte. Was können wir aus diesen vielschichtigen Beziehungen schließen? Erzeugte beispielsweise die Verpflichtung von Kunst und Medizin zur Beobachtung partikularer Phänomene Widersprüche zu traditionellen Doktrinen, die eine Neubewertung in Bezug auf Status, Autoritäten und Geschichte erfordert? Und wie hat das Modell der ‚Diagnose‘ – vor Giovanni Morelli – die Methoden und das Denken von Kennern und Kunsttheoretikern beeinflusst?

Die Tagung will die Beziehung zwischen Medizin und Kunst auf allen Ebenen befragen: Die soziale Stellung der Praktiker*innen, der Austausch von theoretischem und praktischem Wissen, geteilte Terminologien und Konzepte, und die mit letzterem verbundene Disposition zum Teilen von Methoden der Beobachtung und Beschreibung. Aufgrund des Interesses an den parallelen Etablierungsprozessen in Bildender Kunst und Medizin liegt der Fokus der Tagung auf der Frühen Neuzeit.

 

Beyond the traditional nexus of art, anatomy, and optics, Early Modern sources often suggest a broader, more complex interdisciplinary transfer of knowledge between art and medicine: Lorenzo Ghiberti, for example, recommended that artists know „medicine“ in addition to „anatomy.“ One level of the relationship concerned both disciplines’ need to grasp the particularity of a given body in light of the universal. Physicians thus sought artists to produce color scales for use in diagnosis, just as artists utilized medical knowledge to sharpen their visual judgment. Another level concerned broader historical circumstances. Not only did artists and physicians share Saint Luke as a common patron; in Renaissance Florence, for example, they also belonged to the same guild, engaged in similar debates regarding their „liberal“ status, and – arguably – conceived their histories in similar ways. What can we conclude about such multivalent relationships? For example, did the two disciplines’ commitment to the observation of particular phenomena engender inconsistencies with traditional doctrine that demanded a similar reckoning with status, authority, and history?

This workshop investigates the relationship between medicine and art at all levels: the social position of practitioners, the exchange of theoretical and practical knowledge, the existence of shared nomenclature and concepts, and the latter’s tendency to generate shared modes of observation and description.

 

Konzept: Romana Sammern, Fabian Jonietz (München), Robert Brennan (Sydney)

Bildnachweis: Albrecht Dürer: Selbstbildnis, krank, um 1509/11 © Kunsthalle Bremen – die Kulturgutscanner – ARTOTHEK