Tagung

Kunst und Gebrechen

Die Tagung rückt die Vorstellungen, die sich um die Gebrechen von Kunstschaffenden gruppieren, in den Fokus. Ulrich von Liechtenstein setzt seine Erzählerfigur im Frauendienst als Versehrten in Szene, um ein dichterisches Alleinstellungsmerkmal zu konstruieren. Während Benvenuto Cellini Fieberzustände als imaginationsfördernd beschreibt, sieht Friedrich Schiller seine Gebrechlichkeit – in Anbetracht eines drohenden Endes – als Motor für das eigene Schaffen. Der Körper, Altern und Gebrechlichkeit spielen im Werk Francisco de Goyas eine wiederkehrende Rolle.

Die Zuschreibung, gebrechlich zu sein, kann dabei vom Kunstschaffenden oder von Rezipient*innen (im Nachhinein) erfolgen und befeuert die Faszination am künstlerischen Oeuvre und den Mythos vom genialen Kunstvermögen, das im zugespitzten Fall überhaupt erst dem Gebrechen zu verdanken wäre.

Ein Schwerpunkt der Tagungsbeiträge liegt auf der rezeptiven ‚Fehlsichtigkeit‘ bzw. einer eventuell ‚eingeschränkten‘ Sichtweise derer, die diese Denkformen kolportieren, und thematisiert u. a. die Rezeption von Künstler*innenbildern, die das Pathologische überbetonen.

Ist William Turners Spätwerk das Ergebnis seiner Sehstörung? Diese Frage, die bereits 1872 von einem Augenarzt bejaht wurde, birgt auch heute noch Stoff für Diskussionen. Im Zuge von Tagungsbeiträgen werden auch die medizinischen – scheinbar objektiven – Antworten und das dahinter liegende biologistische Kunstkonzept in den Fokus gerückt.

Ein spielerischer Zugang, und relativ losgelöst vom medizinischen Konzept, zeigt sich im Umgang mit der Prothese in der zeitgenössischen Kunst, ein Element, das u.a. auf die Idee des Menschen als ‚Mängelwesen‘ Bezug nimmt.

 

Konzeption: Hildegard Fraueneder, Nora Grundtner und Manfred Kern

Bildnachweis: Antoine Coypel, Studie eines Blinden, Louvre/Paris. Lisa Bufano, Performance, 2013