Juliane Rebentisch: Melancholie, Kritik, Kunst

Der Vortrag wird sich dem Verfall als einer Figuration des Übergangs widmen. Unter dem Titel „Naturgeschichte“ steht eine heute etwas in Vergessenheit geratene Denkfigur der kritischen Theorie. Sie lässt nicht nicht nur das, was sich als Natur gibt, als historische Konstruktion erkennen, sondern liest umgekehrt auch die Konstruktionen der Geschichte im Zeichen ihrer Naturverfallenheit. Wie der kritische Blick, der unter dem Anschein der Natur die historische Gewordenheit freilegt und auf die Möglichkeiten ihrer Veränderung öffnet, löst der melancholische Blick, dem sich die geschichtliche Welt im Licht ihrer eigenen Vergänglichkeit darbietet, den Schein des Stillstands in den Verhältnissen auf. Die Perspektive auf Veränderung ergibt sich in diesem Fall nicht trotz, sondern wegen der Einsicht in die Endlichkeit alles Seienden. In der entsprechenden Sensibilität begegnen sich nicht nur Melancholie und Kritik, sondern auch Philosophie und Kunst.

Juliane Rebentisch ist seit Oktober 2011 Professorin für Philosophie und Ästhetik an der HfG Offenbach, seit 2014 Mitglied des Kollegiums am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Von 2014 bis 2020 war sie Vizepräsidentin der HfG Offenbach, 2015–2018 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik; seit 2019 ist sie Regular Visiting Professor am Department of German an der Princeton University. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. Theorien der Gegenwartskunst (2017), Die Kunst der Freiheit. Zur Dialektik demokratischer Existenz (2012), Ästhetik der Installation (2003), Der Streit um Pluralität. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt (2022). 2022 erhielt sie das erste Distinguished Fellowship des Erich Auerbach Institute for Advanced Studies an der Universität zu Köln, 2017 den Lessingpreis.

Organisation: Hildegard Fraueneder

Bildnachweis: © Stefan Klüter