Raffael Hiden, M.A. BA

Raffael Hiden hat die Studien der Soziologie und Geschichte an der KF Universität Graz absolviert und war dort auch als Kulturreferent der ÖH tätig. Seine soziologische Masterarbeit beschäftigt sich mit einer methodologischen Skizze zu einer Reflexion der Potentiale und Möglichkeiten soziologiegeschichtlicher Forschungen, die anhand der Tarde-Durkheim-Debatte diskutiert wird. Zudem konnte er wissenschaftspraktische Erfahrungen als Studienassistent und Lehrveranstaltungsleiter sammeln. Darüber hinaus erlangte er durch außerakademische Arbeitserfahrungen im kulturellen Praxisfeld (Theaterhospitanzen und Verlagspraktika) erste Einblicke hinsichtlich der Konstitution einer Vermittlungsinstanz zwischen Wissenschaft und Kunst. Seit 2019 ist er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „mischen“.

 

Dissertationsvorhaben:

Werden von Lebensformen. Zum Gefüge einer ästhetischen Praxeologie

Abstract

Das Ziel des Dissertationsprojekts besteht darin, Verbindungslinien und Figurationen des Übergangs zwischen soziologischen und ästhetisch-künstlerischen Modi der Weltbeziehung offenzulegen. Dieses sich zu profilierende Wirkungsfeld ist als Gefüge akzentuiert. Das ist eine ontologische Dimensionierung des Sozialen, im Sinne eines Möglichkeitsraums, für den die Praktiken des Transfers, Übersetzens und Vermischens konstitutiv sind; darin entfalten emergente Phänomene Wirklichkeiten jenseits von Repräsentation und Identifikation. Kreative Aktualisierungen (Deleuze) konstituieren immer wieder neue, bedeutungsoffene Organisationen von Ereignissen, die von keiner transzendenten Instanz gelenkt werden; „Realismus“ wird dadurch selbst als Praxisform konturiert, indem wirklichkeitsgenerierende Formen den Überschuss an Inhalten des Lebens in einem Gefüge assoziieren.
Praxis charakterisiert in diesem Kontext eine „sinnlich menschliche Tätigkeit“ (Marx 1969: 5). Diese Grundierung ermöglicht es, direkt in die Debatte um grundlegende Differenzen zwischen Praxistheorien der Reproduktion (Bourdieu) und Subversion (Butler) einzutreten und diese über den performativen Akt des Wiederholens zu problematisieren. Im Dialog mit den Theater- und Filmprojekten von Milo Rau und dessen „Neuem bzw. Globalem Realismus“ soll dann für einen Wiederholungsbegriff argumentiert werden, der das resignifizierende, subversive, transitive Potential im Wiederholen herausstreicht. Die Inszenierung von Realitäten folgt dabei nicht dem Anspruch einer mimetischen Rekonstruktion oder Stellvertretung, sondern die ästhetisch-theatrale Praxis schafft vielmehr die Bedingungen der Möglichkeit, um die „völlige generelle Neubildung eines schon Gestalteten“ (Simmel 2008 [1923]: 113) zu formen. Der Prozess des Werdens (Seyfert) selbst problematisiert dann die Konstituenten von Realität, was bedeutet, dass Konstellationen bzw. Gefüge geschaffen werden, in denen a priori die Gelingensbedingungen und diskursiven Regeln von Wirklichkeit entflochten sind. Durch den „performativen Status eines Reenactments“ (Rau 2018: 22) konfigurieren sich dann im Zitieren die zitierten Ereignisse in neuen Gefügen, der „Realität selbst“ (Barthes 1982: 89) werden differenzielle Konturen verliehen, die in der Zerstreutheit des Realen nicht möglich sind. Eine ästhetische Praxeologie irritiert und destabilisiert demnach klassische Repräsentationsmodelle und ermöglicht zugleich, eine über Typisierungen operierende Weltbeziehung herauszufordern.
Anhand von exemplarischen Fallstudien wird mittels literaturwissenschaftlichen Aufführungsanalysen (Weiler/Roselt) plastisch vor Augen geführt, inwiefern sich Wechselwirkungen zwischen soziologischen Inhalten und deren theatraler Rezeption ausgestalten. Didier Eribons Autosozioanalyse „Rückkehr nach Reims“ bietet hierfür ein paradigmatisches Beispiel im aktuellen Theaterdiskurs. Aus dieser Perspektive sollen Dialoge zwischen soziologischen und theatralen Weltbeziehungen inaugiert und über hypertextuelle und intertextuelle Verfahren analysiert werden. Der konstitutive Wissenstransfer wird dabei in einer Passage akzentuiert, in der ein dynamisches Gefüge von Zitat und Wiederholung immanente Formen des Werdens profiliert.

 


 

 

The becoming of Lebensformen. Towards an aesthetical Practice Theory

 The main aim of this PhD Thesis is to combine sociological and aesthetical ways of seeing the world. From the perspective of a Deleuzian assemblage, entities, discourses and ideas create new combinations of being (Gefüge). This is an ontological dimension of social space for possibilities in emergent processes with a focus on becoming. From a sociological perspective, this focus is important because of a new way of re-thinking the Practice Theories of Pierre Bourdieu and Judith Butler. Aesthetical practice focuses on the conditions of the new and enables new “Lebensformen”. Especially through the interrelation between sociological and theatrical knowledge, the practice of iteration is shaped on performative resignifications.
These theoretical backgrounds are connected to Milo Rau’s projects and his approach of a new applied theatre. Rau profiles a new form of interplay between reality and fiction through his special issues of reenactments. To repeat means not to copy the past in an Aristotelian way, but to establish new forms of being, to open it for new “Lebensformen” in theatrical practice. At this point the transition of life and art figurate new intensities in existence, referring to current discussions about “Lebenssoziologie”. The dramatization of Didier Eribon’s autobiographical Essay “Rückkehr nach Reims” and the “Diskurstheater” from René Pollesch are also part of my PhD thesis. These examples illustrate the connections between the disciplines of sociology and theatre, especially in the field of art.

Short biography

Raffael Hiden studied sociology and history at the KF University of Graz, where he also worked at the cultural department of the Österreichische Hochschülerschaft. His master’s thesis in sociology deals with a methodological concept about the potentials and possibilities of sociological-historical research with regard to the Tarde-Durkheim debate. Furthermore, he had the opportunity to work as a student assistant, carrying out research and holding seminars. In addition, he already made the initial connections between science and art in his work in non- academic fields (theatre, publishing). Since 2019, he has been one of the co-publishers of the literary Magazine mischen.  His fields of research include aesthetical theory, sociological theory, modern theatre