Ielizaveta Oliinyk, M.A. BA

Ielizaveta Oliinyk hat Journalismus und Theaterwissenschaft studiert. Sie arbeitete als Journalistin in den ukrainischen Medien und im NGO Bereich. In Deutschland hospitierte und assistierte sie an der Oper Köln, im Ballhaus Ost, Maxim Gorki Theater und Badischen Staatstheater Karlsruhe. In der Ukraine hat sie Dokumentartheaterprojekte inszeniert, einige von ihnen mit den Binnenflüchtlingen und einem Soldaten, der als Sanitäter seinen Militärdienst im Kriegsgebiet der Ostukraine leistete. Als freie Regisseurin realisiert sie auch Kinoprojekte.

 

Dissertationsvorhaben:

Dokumentartheater und seine gesellschaftliche Relevanz in Zeiten der politischen Krisen

Abstract

In Zeiten politischer Krisen, wenn die Glaubhaftigkeit und Neutralität der Medienberichterstattung angezweifelt wird, werden Dokumentartheaterformate populär. Dokumentartheater wird häufig für vielseitige Darstellungen verdrängter, zensierter und tabuisierter gesellschaftlicher Phänomene verwendet. Beispiele dafür findet man nicht nur im westeuropäischen Raum, wie z. B. die weltbekannten Inszenierungen von Peter Weiss aus den 1960er Jahren, die die nationalsozialistische Vergangenheit bearbeiteten, oder die britische Verbatim Theatertradition der 60er Jahre, die marginalisierte Schichten der Gesellschaft zu Wort kommen ließ. Das Theater der Unterdrückten von Augusto Boal, das oppositionelle Theater doc. in Russland und die zahlreichen Dokumentartheatergattungen, die seit 2014 in der Ukraine entstanden sind, stützen ebenfalls diese These.
In meiner Doktorarbeit werde ich zwei Gruppen von Aufführungen analysieren: ukrainische Dokumentartheaterinszenierungen seit 2014 (Revolution der Würde und Beginn des Kriegs in der Ostukraine), sowie Theaterinszenierungen, die nach Beginn der großen Fluchtbewegung in die EU im Jahr 2015 entstanden sind und Fragen von Flucht, Krieg und sozialen Ungleichheiten im europäischen Raum thematisieren. Der Vergleich ukrainischer Dokumentartheaterprojekte mit ähnlichen Projekten aus anderen europäischen Ländern soll erstens untersuchen, inwieweit das Dokumentartheater in der Ukraine Einflüsse von außen aufgegriffen und integriert hat. Zweitens soll analysiert werden, wie vielfältig der theatrale Umgang mit den oben genannten Themen sein kann. Im Zentrum meiner Untersuchungen stehen dabei folgende Inszenierungsformate: Verbatimtheaterprojekte; ExpertInnentheater, bei denen die ZeugInnen als ExpertInnen auf der Bühne agieren; Applied Theaterprojekte; Interaktive Inszenierungen, bei denen das Publikum selbst in die Handlung eingreift und ZeugIn wird; und zuletzt Mischformen, bei denen sich Fiktion und persönliche Biografien verbinden.
Das zentrale Forschungsinteresse besteht darin, herauszufinden, ob die Teilnahme an solchen Theaterprojekten für die Beteiligten ein Potenzial zur Transformation enthält. Es soll untersucht worden, ob die Dokumentartheaterprojekte marginalisierte Gruppen der Gesellschaft in einer Weise sichtbar und wahrnehmbar machen können, welche die Beteiligten nicht – wie häufig in den Massenmedien – als Opfer zeigt, sondern als autonome Subjekte die Bühne betreten lässt. Auf der Bühne erlangen die privaten Biografien eine politische Bedeutung. Dabei ist es wichtig, Nachhaltigkeit und ethische Dimension derausgewählten Theaterprojekte zu überprüfen: Bergen die Inszenierungen das Risiko, bestehende gesellschaftliche Krisen, Spaltungen und Vorurteile zu verstärken? Laufen die Projekte Gefahr, die traumatischen Erfahrungen der Beteiligten zu missbrauchen?
Wenn ein dokumentarisches Theaterprojekt gelingt, können die TeilnehmerInnen einen emanzipatorischen Akt vollziehen sowie ein ‚Empowerment‘ erleben, was wiederum politische und soziale Wirkungen entfaltet und Möglichkeitsräume für zivilgesellschaftliche Teilhabe schafft. Solcherart könnte Dokumentartheater ein Forum für politisches Agieren bieten.
Die Basis der Doktorarbeit sind Proben- und Aufführungsbesuche, Interviews mit den DarstellerInnen, DramaturgInnen und RegisseurInnen, Theaterkritiken, Aufführungfotos und Videoaufzeichnungen. Empirische Forschungsmethoden (vor allem qualitative Interviews), Inszenierungsanalysen und Grounded Theory sind als Hauptmethoden für diese Arbeit vorgesehen.

 


 

Documentary theater and its social significance in the times of political crisis

The genre of documentary theater reaches its peak of popularity during the times of social and political crisis (when the credibility of media coverage declines) because the documentary format is best suited to showcase repressed and censored social phenomena. The famous Peter Weiss theater performances from 1960s (revision of national-socialism in Germany), English verbatim theater tradition of 1960-s which highlights marginalized communities, the theater of oppressed by Augusto Boal, opposition Theater.doc in Russia and numerous documentary theater genres since 2014 in Ukraine support this thesis.
In my doctoral thesis I will analyze the most relevant Ukrainian documentary theater productions since 2014 (the beginning of the Revolution of Dignity and the war in the Eastern Ukraine) and documentary theater projects specializing in the influx of refugees, the war and social inequalities in Europe. Comparison of Ukrainian documentary theater projects with certain foreign theater projects should reveal significant influence the latter have had on Ukrainian documentary theater and show different perspectives in dealing with the above mentioned topics. Formats of theater performances are the following: verbatim theater projects, theater of witnesses, applied theater projects, interactive performances and mixed formats which combine fiction and personal biographies.
The research question is to find out if participation in such theater projects may lead to social transformation. Thereby it is essential to examine the sustainability and ethical dimension of these theater projects, analyze their potential risks to contribute to an even bigger crisis, highlight divisions and prejudices or parasitize on the vulnerability and traumatic experiences of the performers. Documentary theater projects could be grouped together with political theater as they often highlight the experience of marginalized and vulnerable social communities. Staged private biographies gain political importance and communities involved are represented as political subjects rather than being victimized. Participation in such projects could be seen as an emancipatory action that creates opportunity for social and political engagement. Empirical methods, in particular in-depth interviews, performance analysis and grounded theory are intended to be main methods of this research.

Short biography

Ielizaveta Oliinyk studied journalism and theater. She worked as a journalist in Ukrainian mass media and NGO sector. In Germany she made an internship at Cologne opera and worked as an assistant of theater director at Ballhaus Ost, Maxim Gorki Theater and Badischen Staatstheater Karlsruhe. In Ukraine she directed documentary theater productions, some of them with internally displaced persons and a soldier who had his military service as a paramedic in war zone in Eastern Ukraine. She is also a director of cinema projects.