WANDELN - Ein transdisziplinäres und künstlerisch-forschendes Labor

Dreh- und Angelpunkt der aktuellen Forschungsperiode bildet das transdisziplinäre und künstlerisch-forschende Labor WANDELN. In diesem werden gesellschaftlich dringliche Themen aufgegriffen und neue Möglichkeiten des gemeinsamen Forschens ausgelotet. Zentral ist dabei die Frage nach einer kollektiven Wissensproduktion im Sinne einer Demokratisierung von Kunst und Wissenschaft. Das Labor ist demnach ein offener und prozessorientierter Experimentierraum. Ihm liegen folgende Leitfragen zugrunde:

  • Wie sehen Fragestellungen, Methoden und Wissensräume aus, wenn Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Citizens gemeinsam forschen?
  • Wie kann ein Wissenstransfer entstehen, der über die Hochschulen hinaus wirksam ist und einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen kann?

Labor als Forschungszugang des Programmbereichs

Neben dem Labor WANDELN charakterisieren experimentelle Zugänge auch Lehre und öffentliche Veranstaltungen sowie andere am Programmbereich Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktion angesiedelte Projekte. Im Rahmen des Forschungsprojekts Räume kultureller Demokratie etwa fungiert ein Reallabor als Experimentierraum, in dem Nachhaltigkeit, Kunst, Kultur und Bildung aufeinandertreffen. Es dient als Rahmen, um Formate, Methoden und Materialien für Vermittlungsräume zu den Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit zu entwickeln. Das Glücksparlament Wohnen wiederum versteht sich als künstlerisch forschendes Projekt, in dem Fragen demokratischer Mitbestimmung zum Thema Wohnen in Salzburg verhandelt und Strategien zur Beteiligung an (politischen) Entscheidungen gesucht und entwickelt werden.

So ist das Labor nicht als isoliert zu betrachten. Vielmehr spiegelt sich darin die dem Programmbereich inhärente Idee eines offenen und transdisziplinären Forschens zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft.

Transdisziplinäres Team

Betrieben wird das Labor von einem Kernteam aus Mitarbeiter*innen der Paris-Lodron-Universität und der Universität Mozarteum Salzburg, in Zusammenarbeit mit Studierenden sowie mit außeruniversitären Kooperationspartner*innen.

Mitglieder des Kernteams sind:

Katharina Anzengruber, Marcel Bleuler, Ulrike Hatzer, Ricarda Drüeke, Anita Moser, Sonja Prlić, Elisabeth Schmirl, Elke Zobl

Erste Forschungsphase

In der ersten Forschungsphase 2019/2020 beschäftigten wir uns mit Fragen des wissenschaftlich-künstlerischen Zusammenarbeitens und Forschens. Wie können wir unsere unterschiedlich geprägten Zugänge in Dialog setzen und Allianzen bilden? Welche (neuen) Möglichkeiten finden sich an den transdisziplinären Schnittstellen? Und was passiert mit Kunst und Wissenschaft, wenn sie sich kollaborativ an sozialen Lebenswelten orientieren?

Mitglieder aus dem Kernteam entwickelten – basierend auf ihnen vertrauten Methoden – experimentelle Versuchsanordnungen (z.B. künstlerische Stadtspaziergänge, digitale Interventionen, performative Forschungsformate), die im Team erprobt und transdisziplinär weitergedacht wurden. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten Experimente mit partizipativen Methodenansätzen.

In einer sehr persönlichen Lecture legt Marcel Bleuler einen Zusammenhang von wissenschaftlicher Fragestellung und privaten Erlebnissen offen. Die Lecture dient als Anschauungsbeispiel für eine allgemeinere Diskussion: Was passiert mit dem wissenschaftlichen Diskurs und mit der Kunst, wenn Autor:innen ihr Privatleben als Referenzrahmen einbeziehen anstatt es auszuklammern? Welche neuen Fragestellungen ermöglicht eine solche Offenlegung und welche Anknüpfungspunkte ergeben sich für die Rezipient:innen?

Mit Sonja Prlić erforscht das Laborteam anhand eines Stadtspaziergangs den Salzburger Stadtteil Taxham. Zwischen Einkaufszentrum, Fußballstadion und großen Wohnsiedlungen suchen wir nach Orten der Kunst, des gesellschaftlichen Engagements und des kreativen Freiraums und spüren den Besonderheiten dieses Stadtteils nach. Die Frage danach, inwiefern der persönliche Blick vor dem Hintergrund der eigenen Biografie die Perspektive auf Kunst und Gesellschaft prägt, steht dabei im Fokus.

Elisabeth Schmirl lädt das Laborteam in eine zwischenzeitlich kulturell genutzte, ehemals leerstehende Arztpraxis. Durch die Methode des Küchengesprächs werden Fragen nach dem Materiellen und der Reduktion gestellt und das Erforschen des eigenen Handlungsraumes erläutert. Welche Bedeutung geben wir Dingen, die uns umgeben? Wie gehen wir mit ihnen um? Was bedeutet Verzicht für ein nachhaltiges Verhalten? Welche Rolle kann die Kunst im Umgang mit Brachen und Überfluss und in Reaktion auf Reduktion und der Vergänglichkeit überhaupt einnehmen?

Marcel Bleuler und Elisabeth Klaus geben in diesem Labor eine experimentelle Ausgangslage vor, in der Kreativität als gemeinschaftsbildendes Element untersucht wird. Neben dem Kernteam laden sie weitere Gastforscher:innen (Künstler:innen, Studierende und wissenschaftliche Uni-Mitarbeiter:innen) dazu ein, mit bereitgestelltem Material „etwas zu tun“. Die einzige Einschränkung besteht darin, dass alle Teilnehmer:innen ein Werkzeug zugeteilt bekommen, das sie nicht aus der Hand geben sollen. Die völlig offene Situation verlangt von den Einzelnen, sich in der Improvisation als Gruppe zusammenzufinden. Welche Handlungsdynamik entsteht dabei und inwiefern lässt sie sich auf das Ziel eines kollektiven transdisziplinären Forschens auf Augenhöhe übertragen?

In diesem digitalen Labor entwickeln Elisabeth Schmirl und Ulrike Hatzer eine interaktive Performance-Lecture, die sich mit der Frage des Ordnens von Material in künstlerischen und wissenschaftlichen Prozessen und Alltagssituationen beschäftigt. Welche Strategien des Ordnens, des Chaos und des Neu-Kombinierens können wir von einem System in das andere übertragen und welche neuen Perspektiven auf Forschung und Kunst eröffnen neue Ordnungssysteme?

Das von Elisabeth Klaus und Sonja Prlić vorbereitete Labor findet wegen der Corona-Beschränkungen online statt. Dabei stehen die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere Lehr- und Forschungstätigkeit und die Folgen für die „Freie Szene“ ebenso im Fokus wie die persönlichen Erfahrungen mit eingeschränktem körperlichem Kontakt und Isolation in der häuslichen Umgebung. Corona markiert einen gesellschaftlichen Wandel, den es aktiv zu begleiten gilt.

Ulrike Hatzer, Anita Moser und Sonja Prlić rufen in diesem Labor das “Glücksparlament Wohnen” aus. Unter dem Motto “Reden ist Silber, mitbestimmen ist Gold“ stellen sie in einer Salzburger Trafik einen Automaten auf, mit dem Sitze des neu zu gründenden Bewohner:innenparlaments zum Thema Wohnen in Salzburg verlost werden. In der künstlerischen Intervention erforschen sie die Bedeutung von Glück für gesellschaftliche Beteiligungsprozesse und die Zusammenhänge von Kunst und politischem Handeln.


Glücksparlament

Elke Zobl und Katharina Anzengruber geben Einblicke in ein transdisziplinäres Labor im Forschungsprojekt „Räume kultureller Demokratie“, in dem Ideen zu experimentellen Vermittlungsräumen im Kontext Klimawandel und Nachhaltigkeit entwickelt wurden. Sie greifen das dabei entstandene Konzeptpapier mit dem Titel „Zukunft mit Zukunft. Mitmischen und Mitgestalten“ auf und diskutieren: Ist ein solcher Titel angesichts der aktuellen Herausforderungen aufgrund der Corona-Pandemie, aber auch der Flüchtlingskrise, nicht provokant? Was bedeutet eine „Zukunft mit Zukunft“ – also ein Ringen um Zukunftsvorstellungen, die von einer solidarischen Gestaltung gesellschaftlichen Wandels ausgehen? Wie können Kunst und Kultur experimentelle Räume auftun, die dazu einladen, die Gegenwart mit- und umzugestalten und positive Visionen zu schaffen?


Zur Projektwebsite "Räume kultureller Demokratie"

Zweite Forschungsphase

Wie lässt sich die themen- und prozessoffene Arbeit im Labor fokussieren und aufbauend gestalten, ohne dass ihr die Offenheit genommen wird? – Diese Frage leitete die zweiten Forschungsphase ein, für die das Kernteam bei einer eingehenden Reflexion der bisherigen Experimente und Arbeitsweisen ansetzte. Dabei zeigte sich deutlich, dass alle Mitglieder nach wie vor für Prozessoffenheit einstehen, zugleich aber das Bedürfnis nach inhaltlicher Vertiefung und Kontinuität haben. Um dies zu gewährleisten, wurden zum einen Orientierungspunkte für die künftigen Experimente festgelegt, die einen aufbauenden Erkenntnisgewinn gewährleisten sollen. Zum anderen haben die Labormitglieder inhaltliche Spuren formuliert, die sie fortan in Subgruppen verfolgen möchten.

Die Arbeit im Labor orientiert sich an vier Parametern. Erstens steht im Labor die Bearbeitung von aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen im Zentrum, die in deutlichem Verhältnis zum Rahmenthema von W&K stehen („Die Künste und ihre öffentlichen Wirkungen: Dynamiken des Wandels“). Damit eng verbunden ist, zweitens, dass wir als Teil unserer Forschung Verbindungen und Kollaborationen mit gesellschaftlichen Aktuer:innen herstellen und dabei neue Räume der Wissensproduktion und Formate der Wissensverhandlung erproben. Drittens erarbeiten wir ein Erfahrungswissen dazu, wie die Zusammenarbeit zwischen Personen aus verschiedenen Kontexten und sozialen Bereichen funktionieren und produktiv werden kann. Der vierte Parameter stellt die Begleitforschung dar. Als Teil unserer experimentellen Arbeit beziehen wir immer auch die Frage nach ihrer Beobachtung und Reflexion ein.

Diese Eckpfeiler ermöglichen es, dass wir in Subgruppen verschiedene Arbeitsspuren verfolgen und dabei gleichzeitig gemeinsame übergreifende Fragestellungen bearbeiten. Folgende Spuren haben wir am Ende der zweiten Forschungsphase festgelegt:

Räume kultureller Demokratie

Ein transdisziplinäres Forschungsprojekt zur Entwicklung von experimentellen Vermittlungsräumen am Beispiel von Klimawandel und Nachhaltigkeit


Mehr Informationen zu Spur 1

Glücksparlament Wohnen

Eine künstlerisch forschende Projektreihe, in der Strategien zur Beteiligung an (politischen) Entscheidungen gesucht und entwickelt werden.


Mehr Informationen zu Spur 2

Das Kollaborativ - gemeinsames Handeln, verhandeln

Künstlerisch partizipative Projekte im öffentlichen Raum mit BE-Studierenden des Mozarteums in Innsbruck


Mehr Informationen zu Spur 3

D/Arts goes Salzburg


Experimentierfeld für Rahmenbedingungen zur Stärkung von Diversität in Kunst und Kultur


Mehr Informationen zu Spur 4

12.10.20: Räume kultureller Demokratie: Reflexionen

Ausgangspunkt dieses Labors ist die gemeinsame Reflexion eines im Forschungsprojekt „Räume kultureller Demokratie“ entstandene Konzeptpapier mit dem Titel „Zukunft mit Zukunft. Mitmischen und Mitgestalten“: Ist ein solcher Titel angesichts der aktuellen Herausforderungen aufgrund der Corona-Pandemie, aber auch der Flüchtlingskrise, nicht provokant? Was bedeutet eine „Zukunft mit Zukunft“ – also ein Ringen um Zukunftsvorstellungen, die von einer solidarischen Gestaltung gesellschaftlichen Wandels ausgehen? Wie können Kunst und Kultur experimentelle Räume auftun, die dazu einladen, die Gegenwart mit- und umzugestalten und positive Visionen zu schaffen?

5.11.20: Laborieren an Corona: Gemeinsames Mapping auf mural.co

Das digitale Treffen auf der visuellen Kollaborationsplattform mural.co, ermöglicht es dem Laborteam darüber zu reflektieren, welche Veränderungen die Pandemie auf gesellschaftlicher und persönlicher Ebene sowie im Kontext der Universitäten bewirkte und wie die zentrale Fragen des Labors nach Demokratisierung von Wissen, Mitbestimmung aller Akteur:innen in Prozessen und offene Forschungszugänge im Kontext von gesellschaftlicher Isolation neu bewertet werden müssen.

18.11.20: Werkstattgespräch Künstlerische Forschung mit Jens Badura

In seinem Vortrag widmet sich Jens Badura den Fragen: Was zeigt sich von der Welt, wenn man Gehen als ästhetische Praxis versteht? Wie lässt sich die Erfahrungsqualität erschließen, für die der umstrittene Begriff „Kraftort“ steht? Und warum ist für transdisziplinäres Forschen die Atmosphäre so wichtig?

30.11.20: Digitales Reflexionstreffen auf der Plattform padlet

In diesem Treffen arbeitet das Team heraus, wie die zentralen Themen des Labors, öffentlicher Raum, aktuelle gesellschaftliche Transformationsprozesse und Alltagsexpert:innen in den bisherigen Experimenten aufgegriffen und interpretiert wurden, welche Arbeitsweisen und -methoden verwendet wurden und wie mit diesen Ansätzen Forschungskulturen neu gedacht werden können.

11.12.20: W&K Forum Glücksparlament Wohnen

Anstelle einer Diskussionsveranstaltung hat das Projektteam für dieses W&K-Forum Glücksparlament Wohnen ein dezentrales Format gefunden, das Wohnanliegen in Salzburg einen Raum verschafft. Um vielfältige Meinungen und Stimmen zum Thema Wohnen sicht- und hörbar zu machen, wurden die Anliegen und Aussagen unterschiedlicher Personen gesammelt. Sie wurden als QR-Codes auf einem Stadtplan von Salzburg platziert, der im öffentlichen Raum und digital erkundet werden kann.

25.1.21: Digitales Treffen auf der Plattform Trello

Die Erstellung eines digitalen Archivs steht im Fokus dieses Labortreffens. In der Reflexion der Dokumentationsmaterialien, die sich verschiedener medialer Gestaltungen bedienen, werden die unterschiedlichen künstlerischen und wissenschaftlichen Zugänge und deren Zusammenspiel in den Forschungslaboren diskutiert und verbindende Forschungsstränge herausgearbeitet.

17.3.21: Digitales Picknick: Geschichten erzählen im Kontext nachhaltiger Ernährung auf wonder.me

Das Sammeln und Erzählen von Geschichten kristallisierte sich als eine zentrale Spur für die Entwicklung verschiedener Experimentierräume im Projekt „Räume kultureller Demokratie“ heraus. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee für ein digitales Picknick auf der Plattform wonder.me. Etwa 20 Menschen aus Kunst, Kultur, Wissenschaft sowie Bildung und Vermittlung laborierten auf drei virtuellen Picknickdecken an folgenden Fragen: Welche Zugänge und Strategien gibt es, Geschichten zu erzählen? Was macht sie erzählenswert? Und: Mit welchen besonderen Anforderungen ist man konfrontiert, wenn es um das Geschichtenerzählen im Kontext nachhaltiger Ernährung geht?

19.4.21: Reflexionslabor Glücksparlament Wohnen

Dieses Labor widmet sich der Reflexion und Weiterentwicklung der Zugänge, die in den künstlerisch forschenden Interventionen des Laborprojekts Glücksparlament Wohnen erprobt wurden. Im Kontext der aktuellen Debatten um Mitbestimmung mittels per Los eingesetzte Bürger:innenräte und -parlamente waren dabei verschiedene Zugänge zum Thema erprobt worden. Diskutiert werden u.a. die dialogischen Aspekte und das spielerische Format als Forschungszugang, die Frage nach Rollenauslosung und Rollenwechsel innerhalb eines Forschungsteams und die Bedeutung dieses Perspektivenwechsels für Methoden des Action Research und der künstlerischen Forschung.