Julieta Jacobi

Foto: Hubert Auer

Julieta Jacobi

Julieta Jacobi forscht an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. Sie absolvierte ein Masterstudium der Motologie mit Schwerpunkt Körperpsychotherapie an der Philipps Universität Marburg (UMR) sowie ein Bachelorstudium der Theaterpädagogik mit Schwerpunkt Tanz an der Hochschule für Künste im Sozialen Ottersberg (HKS Ottersberg). Neben ihrer Anstellung im Forschungskolleg ist sie bei Wissenschaft & Kunst im Programmbereich „Gesellschaft und Nachhaltigkeit | Zeitgenössische Kunst und Kulturproduktionen“ tätig. Dort wirkt sie in der Lehre sowie dem Forschungsprojekt CoCreART und engagiert sich im Bereich „Community Outreach“.

Zuvor arbeitete sie im Arbeitsbereich „Psychologie der Bewegung“ (UMR), als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Inklusion und Kunst (HKS Ottersberg) sowie als studentische Hilfskraft in der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik (UMR). Darüber hinaus lehrte sie an der UMR, der HfMDK Frankfurt am Main und der HKS Ottersberg im Bereich der Kulturellen Bildung.

Julieta Jacobis Forschungsinteresse liegt am Nexus der Disability und Gender Studies mit einem Fokus auf Okularzentrismus(-kritiken) und sensorischen Stadtraumaneignungen. Besonders zentral für ihr Dissertationsprojekt im interuniversitären Doktoratskolleg „Kulturen im Wandel“ sind die Performance Studies, die künstlerische Forschung, relationale Raumtheorien, die Soma und Sensory Studies und die feministische Embodiment Forschung.

Dissertationsvorhaben: Multisensorische Stadtraumaneignungen. Performance-theoretische Annäherungen an eine Okularzentrismuskritik

Erstbetreuung: Univ.-Prof.in Dr.in Lucia D’Errico (Gustav Mahler Universität )
Zweitbetreuung: Assoz. Prof.in Dr.in Elke Zobl (Universität Salzburg, Interuniversitäre Einrichtung Wissenschaft & Kunst)

„Ich habe es eilig und es ist dunkel, gut, dass Google Maps mir den kürzesten Weg anzeigt: fünfhundert Meter gerade aus, dann nach rechts abbiegen.“ Die hier zur Sprache kommende westliche Zentralisierung des Sehens wird Okularzentrismus genannt. Er bildet den Rahmen, in dem die Aufmerksamkeit in Kommunikations- und Orientierungspraktiken visuell ausgerichtet wird. Der Okularzentrismus findet sich ebenso in der Sprache und Schrift wieder; denn er ist das Hauptreferenzsystem für sogenannte Objektivität von Raum in der westlichen Epistemologie. Von dessen Norm aus werden entsprechende oder abweichende Subjektpositionen wie Sehende und Blinde erst hervorgebracht. Als Aspekt dieser visuellen Naturalisierung ist es für Sehende wie mich eine Selbstverständlichkeit, von den Codes und Anweisungen, wie die der eingangs erläuterten Wegbeschreibung, adressiert werden zu können. Dass meine Augen meine körperlichen Handlungen, wie das Abmessen der Distanz, die schnellen, unbedachten Schritte oder das Kopfdrehen beim Orientieren leiten, ist für mich gewöhnlich. So ist es auch mein blind Spot, dass der Standpunkt, von dem aus und für den die Google Maps Karte gezeichnet wurde, ein Sehender ist. Die Perspektive dieser Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie diese Perspektive infrage stellt und darüber hinaus einer Vielheit der Sinne nachspüren möchte. Dabei wird, als ein zentrales Thema der Arbeit, der Ausschluss anderer Sensorien als mögliche Schnittstelle zwischen dem Patriarchat und dem modernen, autonom fähigen Subjekt befragt. Wie könnte sich diese Schnittstelle genealogisch begründen? Wie wird sie in Stadtorientierungen erfahrbar? Welche „anders sinnlichen“ Wahrnehmungen bleiben an den Rand gedrängt? Welche Körperspürweisen werden (nicht) produziert? Und (wie) kann für wen das, was zählt und was nicht, erweitert und eine „neue Weise des Fühlens“ (Rancière) erkundet werden?

Mithilfe des Expert*innenwissens von visuell sehenden sowie als blind und sehbeeinträchtigt markierten Akteur*innen des Blinden- und Sehbehindertenverbands Salzburg gehe ich diesen Fragen nach. Gemeinsam haben wir einen Spaziergang als performatives Mikro-Stadt-Labor entwickelt, bei dem die blinden und sehbeeinträchtigten Guids durch die Stadt führen. Dabei untersuchen wir mit den sehenden Spaziergangteilnehmer*innen, die eine Dunkelbrille tragen, was es bedeutet, sich ohne das Sehen in der Stadt zu orientieren. Das Projekt ist in der künstlerischen Forschung, den Performance Studies, den Disability und Genderstudies sowie den Sensory Studies einzuordnen.

Mehr Infos zu dem Spaziergangprojekt siehe:
Mit allen Sinnen sehen – Spaziergang Oktober 2025
Mit allen Sinnen sehen Spaziergang Juni 2026