BLOCKED – Zur Vermittlung russischer Kunst und Kultur in Zeiten des Krieges
Abbruch des Kulturtransfers und ihre Auswirkungen auf die russische Kultur
Maksim Osipov berichtete auf die Frage, wie sich seine persönliche Situation und seine künstlerische Laufbahn seit dem Russischen Angriffskrieg verändert habe, über seine Arbeit als Internist in Russland, die er aufgegeben habe, um kurz nach Kriegsbeginn in die Niederlande zu gehen, wo er gegenwärtig als Gastprofessor an der Universität Leiden russische Literatur lehrt und sich als Chefredakteur der Zeitschrift Fifth Wave widmet, die als ein Forum des Austausches kritischer Autor:innen dient. Trotz der gegenwärtigen politischen Situation Russlands stehe es für ihn außer Frage, dass Russland ein Teil der europäischen Kultur sei. Mit Blick auf das russische politische System im historischen Kontext betonte Marina Davydova, dass die russische Kultur stets Teil der europäischen Kultur war – so sei etwa die russische Avantgarde vollständig in die europäischen modernen Kunstbewegungen integriert gewesen. Auch während der bolschewistischen Repressionen und auch nach der Zäsur durch Stalins isolationistische Kulturpolitik sei die russische Kultur nicht von der europäischen abgekoppelt gewesen, sondern lediglich „provinzieller“ geworden. Eine historische Analogie sieht sie im gegenwärtigen Russland, wo die Regierung eine Kulturrevolution nach neo-stalinistischem Muster zu unternehmen versuche. Ihre jahrelange Vermittlungspraxis, Brücken zwischen der europäischen und russischen Kultur zu schlagen, habe das russische Theater mit dem europäischen in einen jahrelangen fruchtbaren und inspirierenden Dialog gebracht. In den 2010er Jahren sei das russische Theater in der Lage gewesen, bei internationalen Festivals mit europäischen Theatern zu konkurrieren. Diese Konkurrenzfähigkeit, das Interesse und die Offenheit gegenüber der europäischen Theaterkultur spiegelten sich z. B. in der Kooperation renommierter Regisseure wie Romeo Castellucci und Frank Castorf mit dem russischen Theater wider. Erich Klein sprach sich gegen eine „Blockade“ russischer Kultur und auch gegen eine allzu politisch motivierte Lektüre russischsprachiger Literatur aus. Ihm sei während seiner Tätigkeit als Kulturvermittler und Übersetzer oftmals die Tendenz aufgefallen, Russland auf einige Schlagwörter (wie etwa Putin, Pussy Riot oder Chodorkovskij) zu reduzieren, was dazu führte, dass eine differenzierte Perspektivierung und Rezeption ausgeblieben sei. Ebenfalls solle der komplexen sprachlichen Situation der Ukraine Rechnung getragen werden. In der angesichts der Kriegssituation zwar nachvollziehbaren Favorisierung der ukrainischen Literatursprache würde die auf Russisch verfasste Literatur ukrainischer Autor:innen weitestgehend übersehen oder wäre aufgrund möglicher politischer Implikationen unerwünscht.
Russische Sprache und Kultur im globalen Sinne: Blockade der russischen Kultur?
Osipov wies daraufhin, dass die russische Kultur nicht auf einen bestimmten geographischen Ort festzulegen und zu beschränken sei, denn weder die russische Sprache noch die Kultur gehöre dem russischen Staat, sondern vielmehr allen, die in ihr sprechen und schaffen. Ein bedeutender Teil russischer Literatur stamme von Autor:innen, deren Muttersprache Russisch ist, die jedoch nicht (mehr) in Russland leben – dazu gehören Autor:innen aus Israel, den USA, Europa, aber auch der Ukraine. Einige dieser in der Ukraine lebenden Autor:innen schreiben auf Russisch und behandeln sogar die in Russland tabuisierten oder ignorierten Themen. Daher gehe die russische Literatur im weitesten Sinn über die russischen Staatsgrenzen hinaus und sei ungeachtet der politischen Katastrophe als ein Teil des kulturellen Welterbes anzusehen. Laut Davydova sei es zwar möglich, staatliche Institutionen zu ‚canceln‘, nicht jedoch die (russische) Kultur als solche, denn in der Kunst ginge es immer um Persönlichkeiten und den ‚individuellen‘ Ausdruck, und nicht um Nationen. Die neue Welle russischer Emigration, insbesondere im Theaterbereich, habe viele wichtige Vertreter:innen aus Russland heraus und in neue Situationen geführt, in denen sie nun mit der Kultur der neuen Länder interagieren (z. B. in Kasachstan, Usbekistan und Armenien). Ein Großteil der für die zeitgenössische Kultur relevanten und interessanten russischen Künstler:innen sei nun im Exil, womit sich die russische Kultur auch außerhalb Russlands weiterentwickle. Auf diese Weise wird gleichsam ein künstlerischer „Archipel“ gebildet. Diese Kultur, so Davydova, existiert jenseits der Grenzen und ist unabhängig vom russischen Staat. Als Beispiel nannte sie den Regisseur Il’ja Mošickij, der aus St. Petersburg nach Armenien gezogen ist und dort mit lokalen Schauspieler:innen zusammenarbeitet. Davydova sieht dies nicht als Zeichen (post-)kolonialer Tendenzen, sondern als kosmopolitische Offenheit, die dem imperialistischen Denken entgegenwirken könne. Erich Klein bemerkte, dass in der (deutschsprachigen) Slawistik lange Zeit die Auseinandersetzung mit der russischen Kultur dominiert habe und die ukrainische Kultur ignoriert wurde. Inzwischen habe sich die Perspektive geändert und Übersetzungen aus dem Ukrainischen seien nun überall zu finden und würde nun sogar in einigen Fällen die aktuelle Übersetzung russischer Literatur übersteigen. Peter Deutschmann bestätigte diese historische Dominanz der Russistik; der Krieg habe dieses Problem sichtbarer gemacht. Die russische Kultur solle nicht in toto ‚gecancelt‘ werden, allerdings müsse man sich der Dominanz der russischen Kultur bewusstwerden, sie kritisch reflektieren und eine Dekolonisierung der Slawistik anstreben.Sind die Vertreter:innen der russischen Kultur als Wegbereiter für den Krieg mitverantwortlich?
Auch die seit Kriegsbeginn hitzig und kontrovers diskutierte Frage nach der Verantwortung der Kultur und der Kulturschaffenden für den russischen Angriffskrieg wurde berührt. Laut Osipov weise die klassische russische Literatur eine imperialistische Tendenz auf, zugleich aber auch eine anti-imperialistische. Exemplarisch führte er einen der kanonischen Texte der russischen klassischen Literatur an – Lev Tolstojs Krieg und Frieden. Dieser Roman weise zahlreiche nationalistische Motive auf, zugleich gäbe es in Tolstojs späterem Oeuvre, etwa in der Novelle Chadži-Murat, eine ebenso markante anti-imperialistische Komponente. Der russisch-ukrainische Krieg hat schreckliche Folgen insbesondere für die Ukraine und deren Bevölkerung. Er hat auch Konsequenzen für diejenigen Russinnen und Russen, die mit dem Krieg und der russischen Regierung nicht einverstanden sind. Davydova und Osipov haben seit Beginn des Krieges in Russland vieles verloren: ihre Projekte, ihre Wohnungen, ihre Kontakte zu ihrem Heimatland und Verbindungen zu ihrer Familie und Verwandten. Widerstand zu leisten sei, so Osipov, in Russland zwar möglich, aber gefährlich. Es gäbe tausende von politischen Gefangenen – viele davon wurden aufgrund ihrer geschriebenen Worte verhaftet, wie etwa die jungen Theaterkünstlerinnen Evgenija Berkovič und Svetlana Petrijčuk. Zugleich gäbe es auch ein Beispiel für Schlupflöcher in der Zensur – so habe ein Antikriegs-Gedicht von German Lukomnikov, das 2023 in der Zeitschrift Vol’ga veröffentlicht wurde, weder zur Auflösung der Zeitschrift noch zur Verhaftung des Autors geführt. Dieser Fall bildet jedoch eine Ausnahme. Es gebe viel Widerstand, der allerdings zusehends schwieriger zu realisieren und zu artikulieren sei, da die russische Regierung mittlerweile zu einem regelrechten Terrorregime geworden ist, das vergleichbar sei mit dem von Hitlerdeutschland 1944.Was geschieht mit der russischen Kultur?
Marina Davydova räumte ein, dass sich die politisch-kulturelle Situation in Russland wohl nicht mehr ändern werde und nicht mehr zum Vorkriegszustand zurückkehren könne. Ins Exil zu gehen, sei für sie persönlich keine temporäre, sondern eine endgültige Entscheidung gewesen. Osipov kommt zu ähnlichen Schlüssen: Er beobachtet nicht nur in Russland, sondern weltweit einen Trend zum Autoritarismus (wie z. B. die sozio-politische Entwicklung in den USA), der sich, so seine pessimistische Prognose, mit der Zeit noch verstärken wird. In der teils sehr emotionalen Publikumsdiskussion ging es um Fragen der Verantwortung russischer Künstler:innen, um den Charakter des russischen Widerstandes innerhalb Russlands und über die Formen der (unzureichenden) Unterstützung für die Ukraine. Die wichtigsten in der Diskussion erhobenen Forderungen waren, dass mit staatsnahen (Kultur-)Institutionen der russländischen Föderation nicht kooperiert werden solle, dass eine ‚Blockade‘ oder gar ein vollständiges Verbot der russischen Kultur jedoch Putin und seinen Verbündeten eher in die Hände spielen und sogar eine Rechtfertigung des Krieges und der anti-europäischen Haltung Russlands liefern würde. Die Frage nach der Zukunft der russischen Kultur lasse sich jedoch nicht (zufriedenstellend) beantworten und nur sehr vorsichtig und vage prognostizieren. Ein Dialog mit der russischen Kultur soll jedoch nicht aufgegeben, sondern weitergeführt werden, um die Möglichkeiten eines kulturellen Wiederaufbaus nicht aus den Augen zu verlieren.Über die Autor:innen: Angelina Kucherova und Patrik Valouch, Universität Salzburg Editorial Review Rechte: CC-BY 4.0
Empfohlene Zitierweise: Angelina Kucherova und Patrik Valouch: „BLOCKED – Zur Vermittlung russischer Kunst und Kultur in Zeiten des Krieges. Veranstaltungsbericht“, in: Figurationen des Übergangs, Jg. 2025, S. 1–5. DOI: 10.25598/transitionen-2025-3
