„In welcher Ruine lebe ich, oder: Wann war die Hütte?“ Der Tag danach. Phasen der Latenz, des Ausbruchs und der Neuordnung in Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst

Konferenzbericht von Robert A. Winkler

Die öffentliche und interdisziplinäre Block-Ringvorlesung Der Tag danach. Phasen der Latenz, des Ausbruchs und der Neuordnung in Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst fand im Sommersemester 2025 im Programmbereich Figurationen des Übergangs der Interuniversitären Einrichtung Wissenschaft und Kunst (Universität Salzburg/Universität Mozarteum Salzburg) statt. Geleitet und konzipiert von einem Team rund um CLEMENS PECK (Universität Salzburg) und MAGDALENA STIEB (Salzburger Literaturforum Leselampe im Literaturhaus Salzburg) war die Ringvorlesung ein „Ereignis“ im Sinne von Gilles Deleuze und Joseph Vogl, also eine Abfolge von „Umständen“,[1] wie die beiden Veranstalter:innen in ihrer gemeinsamen Begrüßung und Einführung definierten. Um sich dem inspirierenden Charakter dieser nicht-linearen Abfolge von Umständen anzunähern, wird im Folgenden in einige Vorträge und Diskussionen etwas näher hineingezoomt – zur besseren Vergegenwärtigung geschieht dies in der Form des Präsens. Doch lassen Sie uns erst ein paar Eckdaten dieses Ereignisses vergegenwärtigen. In der bereits am 1. April stattfindenden Auftaktveranstaltung wird es gleich praktisch, geht es doch mit den Salzburger Bergputzern auf den Mönchsberg, wo sich lebendige Einblicke in dieses einzigartige Arbeitsumfeld auftun, welche im Anschluss im Vortrag und Gespräch mit ANNA ARTAKER (Kunstuniversität Linz) und PAUL FEIGELFELD (Universität Mozarteum Salzburg) reflektiert werden. Die eigentliche Tagung findet dann von 11. bis 13. Juni im W&K Atelier statt – insgesamt 16 Vortragende aus den Natur- und Geisteswissenschaften, aber beispielsweise auch aus der Theater- und Schreibpraxis, stellen ihre vielfältigen Perspektiven auf den Tag danach sowie auf die damit einhergehenden Dimensionen von Latenz, Beschleunigung, Umschlagpunkt, Ausbruch, Umwandlung, und Neuordnung vor und zur Diskussion. Am Ende wird es wiederum praktisch und die Möbiusschleife kreuzt sich beim gemeinsamen Besuch der Ausstellung Rob Voerman. Entropic Empire im Museum der Moderne Salzburg am Mönchsberg. Aber lassen Sie uns nun nähertreten.

In der bereits erwähnten Begrüßung und Einführung eröffnen Clemens Peck und Magdalena Stieb die mannigfaltigen zeitlichen und epistemologischen Dimensionen von Übergangsphänomenen. Mit Rückbezug auf KATHRIN RÖGGLAs (Kunsthochschule für Medien Köln) und THOMAS BALLHAUSENs (Universität Salzburg/Universität Mozarteum Salzburg) Filmisches Ping Pong Kino-Katastrophen seit 2001, welches am Vortag zur Eröffnung stattfindet, stellen die beiden Vortragenden die Unerlässlichkeit heraus, Medialität und Materialität bei Übergangsphänomenen mitzudenken. Neben Fragen der medialen Vermittlung und des materiellen Erlebens beinhalte der Chronotopos des „Danach“ auch immer das soziale Moment einer gesellschaftlichen Neuordnung. Das Erdbeben von Lissabon, welches 1755 nicht nur die betroffene Region unermesslich erschütterte, sondern auch geistesgeschichtlich seine Spuren hinterließ, wird hierbei – wie auch bei anderen Vorträgen – als zentraler Referenzpunkt aufgerufen. In künstlerischen Darstellungen und Repräsentationen dieser Jahrhundertkatastrophe werde demnach ein „Davor“ und ein „Danach“ als dynamisch zu denken versucht, was wiederum die Verzeitlichung eines Katastrophenbewusstseins erst ermöglichte. Anhand von Rob Voermans Graphik Epicenter von 2007, welche gelungen zur Bewerbung der Block-Ringvorlesung eingesetzt und beim gemeinsamen Besuch der Ausstellung des Künstlers ‚in echt‘ bestaunt wird, machen Peck und Stieb auf das Moment der Unentscheidbarkeit, das Übergangsphänomenen eingeschrieben ist, aufmerksam: Das Bild zeigt eine riesige kugelförmige Struktur, die auf weite Teile einer, von oben gezeichneten, Stadt scheinbar eingeschlagen hat. Obwohl sich die Interpretation eines In-Szene-Setzens von Zerstörung intuitiv anböte, ermögliche das Bild auch eine Lesart der Kugel als einer immanent gewachsenen Infrastruktur, aus welcher die anderen Materialitäten erst entstünden.

Um Unentscheidbarkeiten von Übergangsphänomenen, speziell in ihren zeitlichen Skalen, geht es auch im ersten Vortrag Der lange Weg zum Tag danach – ein geologischer Blick auf den Kreislauf der Krisen des Geologen CHRISTOPH VON HAGKE (Universität Salzburg). Gleich zu Beginn macht von Hagke darauf aufmerksam, dass die Geologie die einzige Naturwissenschaft sei, die sich mit Zeitlichkeiten bzw. mit großen Zeitskalen auseinandersetze. Das bereits erwähnte Erdbeben von Lissabon 1755 sei ein gutes Beispiel, um das Aufeinandertreffen verschiedenster zeitlicher Dimensionen zu veranschaulichen: der tatsächlichen Naturkatastrophe – die sich oftmals nur in Sekunden oder Minuten Bahn bricht – sei ein außerordentlich langer Vorlauf von Hunderten oder gar Tausenden Jahren vorausgegangen. Von Hagke bringt diese seismischen Zyklen pointiert auf die Formel: „Der sehr lange Weg zum Tag danach“. Mithilfe von Seismographen und Seismogrammen sei es zwar möglich, vergangene Zyklizitäten zu erfassen, um dann Wahrscheinlichkeiten bis zum nächsten Ausbruch zu berechnen; wichtig sei aber herauszustellen, dass keine exakten Vorhersagen getroffen werden können – ein Faktum, das immer wieder wie im Fall Fukushimas zu unerwarteten Katastrophen führe. Im Fall der heißen – verzeihen Sie mein Wortspiel – Frage unserer Zeit, der Klimakrise, sei das Jahr 2159 als ein möglicher Kipppunkt in ein neues Wärmezeitalter, eine neue Hitzeperiode, prognostiziert. Als ein Point of no Return sozusagen. Ein zentrales Problem bei der Klimakrise, nicht zuletzt hinsichtlich effektiver Gegenmaßnahmen, sei es, ebenjene seismischen Zyklen von Tausenden oder gar Millionen von Jahren zu begreifen. Der Mensch könne solche großen Zeitskalen schlecht erfassen, da ihm die Zeitspanne des eigenen Menschenlebens als, im Vergleich sehr kleiner, Referenzpunkt diene. Mithilfe von Simulationen und computerbasierten Zeitrafferanimationen wird versucht, dieser epistemologischen Herausforderung entgegenzuwirken, wie von Hagke anhand von Zeitraffergraphiken, die das Abschmelzen der Gletscher in den nächsten Jahrzehnten dynamisch visualisieren, veranschaulicht. In der Q/A auf die technischen Möglichkeiten einer Abwendung der Klimakrise befragt, erläutert der Experte, dass wir uns – Stand jetzt – zwar etwas Zeit kaufen können, um die Entwicklungen hinauszuzögern, eine generelle Abwendung der Klimakrise ist aber nicht mehr möglich. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – postuliert von Hagke, dass es in Bezug auf die Klimakrise „zu spät für Pessimismus“ ist.

In ihrem Vortrag Vom Leben in Ruinen. Literarische Reflexionen zum Dauerzustand Polykrise eröffnet die Germanistin CAITRÍONA NÍ DHÚILL (Universität Salzburg) die Frage nach dem „Tag danach“ experimentell, interaktiv und literarisch. „Wir“ sei das Wort der Stunde, aber welches wir sind wir eigentlich und wer und was sei mitgemeint – oder eben nicht? Ní Dhúill stellt fest, dass unter den Bedingungen der „Petromoderne“ und der „Polykrise“ folgendes schon jetzt der Fall ist: „Wir leben in Ruinen“. Es ginge nun darum, im Angesicht dieser Diagnose nicht resigniert, sondern inspiriert über Theorien und Praktiken des Ruinösen nachzudenken, also über die existenzielle Frage, was bleiben wird, wenn dieses Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell vollends an die Wand gefahren sein werde. Die Vortragende aktiviert die Anwesenden dann sogleich, indem sie drei Fragen in den Raum stellt und dazu auffordert, kurz darüber zu reflektieren – schreibend. Gestatten Sie mir an dieser Stelle kurz mit Ihnen zu teilen, zu welchen Assoziationen mich die Frage „In welcher Ruine lebe ich?“ inspiriert:

In der Hütte, die Hütte ist selbst eine Ruine, eine Ruine avant la lettre?! Weil sie ihre Unabgeschlossenheit, ihren ruinösen – offenen – Charakter zur Schau stellt, in sich trägt? Hütte als Ruine, wenn Ruine in der Zeit und an dem Ort des „Tag danachs“ ist; dann vereint die Hütte das „Davor“ mit dem „Danach“. Das „Davor“ immer als Moment der Rückkehr zur Ruine vor dem Fortschritt, welche Heimkehr aber immer nach dem Moment der Katastrophe stattfindet – macht das Sinn?

Wer denkt, nach dieser Anregung in Ruhe gelassen zu werden und sich entspannt zurücklehnen zu können, wird enttäuscht – unmittelbar danach findet man sich auf dem Parkplatz wieder, um darüber zu reflektieren bzw. in der Erkundung der materiellen Zeugnisse der Petromoderne zu erfragen, was bleiben, aus welchen Ruinen die neue Zukunft zu errichten sein werde. Gerahmt werden diese leibhaftigen Reflexionsanregungen von zwei Gedichten, u.a. von Paul Celan, welche frei von Ní Dhúill rezitiert, nein, performt werden. In der abrundenden Diskussion geht das gemeinsame Nachdenken weiter. Eröffnet in unserem Paradigma der allumfassenden Ökonomisierung, das auch noch Katastrophen und den „Tag danach“ durchdringt, die Ruine den Möglichkeitsraum, das zugrundeliegende Fortschrittsnarrativ zu brechen? Unterliegt das ästhetische Erlebnis, also Zeug:in von Katastrophe und Zerstörung zu sein, einer Begehrensstruktur – wie beim sprichwörtlichen Autounfall, bei dem man die Augen nicht abwenden kann? Brauchen wir Ruinen auch deswegen, um unseren Gespenstern einen Raum zu geben, um so zu verhindern, dass die anderweitig Unterdrückten zurückkommen, um uns zu haunten? Definitive Antworten werden nicht gegeben – was für ein Segen.

Der Fundamentaltheologe GREGOR M. HOFF (Universität Salzburg) spürt dem Übergang in seinem Vortrag Permanente Latenz? Das Zeitregime der Auferstehung sowohl philosophisch als auch theologisch nach. Gleich zu Beginn betont Hoff, dass das Phänomen der Auferstehung theologisch korrekterweise als „Auferweckung“ bezeichnet wird. Mit Walter Benjamin gedacht sei der „Tag danach“ bereits unser Tag, wir lebten in der akuten Gegenwart mit und nach der permanenten Katastrophe. Hoff ruft sogleich Benjamins berühmten „Engel der Geschichte“ in Erinnerung. Wo wir Sterblichen eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheinen sehen, „da sieht er eine einzige Katastrophe“; der Engel der Geschichte möchte helfen, die Katastrophe wieder heil machen, aber er wird von einem mächtigen Sturm nach vorne, in die Zukunft, gerissen: „Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“.[2] Trotz dieser scheinbar jegliche Hoffnung zerschmetternden Diagnose und Fortschrittskritik bewahrt sich Benjamin, wie Hoff betont, eine leise messianische Hoffnung auf ein anderes Morgen im Angesicht des Grauens der Geschichte. Wie lässt sich diese messianische Hoffnung nun konkret wiederum in der christlichen Theologie ausfindig machen? Jesu Tod bezeichnet dieses Übergangsphänomen in einzigartiger Weise, denn, so Hoff, „am Kreuz hat der Feind zu siegen aufgehört“. Der „Tag danach“ sei – ganz wörtlich und handgreiflich genommen – der Karsamstag nach Jesu Kreuzestod, welcher demnach sozusagen die Stunde Null markiert. Als ultimative Leerstelle habe dieser Tag die Funktion, über die Länge eines Tages, also über Zeitlichkeit selbst, zu veranschaulichen, gar spür- und erlebbar zu machen, dass man als Christ gänzlich in den Grund und die Dunkelheit gehen müsse, bevor man wieder nach oben aufsteigen, auferstehen könne. Die zentrale Frage, die hierbei mitschwinge, sei, was der Tod für die Lebenden bedeute. Christliche Zeitlichkeit ist demnach, wie Hoff betont, von einer permanenten Latenz in Form eines allgegenwärtigen Erwartens der Wiederkehr Christi geprägt, welche in ihrer zweiten Manifestation dann im Jüngsten Gericht über alle Lebenden und Toten mündet. Das alttestamentarische Buch Daniel sowie die neutestamentarische Offenbarung des Johannes gäben hierzu konkrete Hinweise auf den „Tag danach“ als dem „Ende der Zeit“. Oder, um mit R.E.M. popkulturell zu paraphrasieren, diese Bibelstellen bereiten uns auf „It’s the End of the World as We Know It“ vor. Im Gegensatz zu diesen eschatologischen Vorstellungen ist, wie Hoff anmerkt, für politische Herrschaft jeglicher Couleur der „Tag danach“ schlicht nicht denkbar, da er das eigene Verfallsdatum, das eigene Überwunden-Sein imaginieren müsste: die nächste Wahl, die nächste Regierung, der nächste Präsident etc. Vielleicht, so lässt sich mit Rückbezug auf von Hagkes Vortrag weiterspinnen, ist das einer der Gründe, warum sich aktuelle politische Regierungen weltweit so schwer damit tun, auf die Klimakrise als den bereits eingetretenen „Tag danach“ zu reagieren … Neben der permanenten Latenz, so Hoff in weiterer Ausführung, ist christliches Zeitverständnis auch zentral von einer Verschmelzung der drei zeitlichen Ebenen gekennzeichnet: Auferstehungsglauben und die damit einhergehende Hoffnung drücken sich für Christ:innen in der Feier des Heiligen Abendmahles aus, in welcher es sowohl um die Vergangenheit – In-Erinnerung-Rufen des Wirkens Christi – als auch um die Gegenwart – seiner Anwesenheit im jetzigen Moment – und darüber hinaus um die Zukunft – im Bewusstsein des kommenden Reichs Gottes – gehe. Mehr geht in der Tat nicht.

Der Germanist WERNER MICHLER (Universität Salzburg) stellt in seinem anschließenden Vortrag „Naturgesetzliche Entwicklung“ und „großer Kladderadatsch“. Evolutionäre und revolutionäre Zeit in Marxismus und Arbeiterbewegung den „Tag danach“ – salopp gesagt – vom idealistischen Kopf auf die materiellen Füße. So ist „des einen Apokalypse (…) des Anderen Erlösung“, wie Michler pointiert seine Skizze von Zeitvorstellungen bei Karl Marx und Friedrich Engels beginnt. In der Deutschen Ideologie und im Manifest der Kommunistischen Partei sei demnach eine Eskalationsgeschichte zu konstatieren: die sich kulminierende Beschleunigungslogik des Kapitals münde in ihre eigene Vernichtung mit dem Proletariat als kommendem und wohlbekanntem Totengräber desselben. Der „Tag danach“ sei folgerichtig die „Diktatur des Proletariats“, wenn der Kapitalismus überwunden und die klassenlose Gesellschaft erreicht sein werden. Michler betont, dass es jedoch ein Bilderverbot hinsichtlich dieses neuen Morgens gibt, d. h. ebenjene „Diktatur des Proletariats“ ist recht abstrakt gehalten und in den – ja durchaus zahlreichen Seiten der Schriften von Marx und Engels – nicht konkret ausgemalt. Vielmehr seien Vorstellungen vom Ablauf der revolutionären Geschichte vom Zeitgeist, also konkreter von der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Popularität gewinnenden Evolutionsbiologie, inspiriert. Dass diese Analogien durchaus ihre praktischen Herausforderungen für das linke Lager zeitigten, veranschaulicht Michler mit Verweis auf den österreichisch-tschechischen Politiker und marxistischen Theoretiker Karl Kautsky, der die eigene Bewegung als „revolutionär, nicht Revolutionen machend“ konzipierte. Diese Definition des ‚sowohl als auch‘ vor dem Hintergrund einer teleologischen Vorstellung der Selbstentfaltung der Geschichte stelle zwangsläufig die Frage nach der eigenen Handlungsmacht, also der Agency der linken Bewegung. Was wird dann aus Georg Büchners „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“, wenn die Ordnung der Dinge ihrer eigenen evolutionären Logik folgt? Michler bringt das Dilemma der linken Bewegung augenzwinkernd auf den Punkt: „Wir können eh nix machen … und schon gar nix richtig machen.“ Es scheint – so lässt sich schelmisch weiterkombinieren – dass sich so mancher in der hiesigen SPÖ und der benachbarten SPD diese Einsicht in den letzten 150 Jahren zu sehr zu Herzen genommen hat. „Glück auf, Genoss:innen!“

Der Tag danach. Phasen der Latenz, des Ausbruchs und der Neuordnung in Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst war ein Ereignis im besten Sinne des Wortes: die Umstände, die über das Sommersemester ,abfolgten‘, materialisierten sich in Exkursionen, Performances, Diskussionen und Vorträgen. So vielfältig der Rahmen der Formate, so ernst wurden die verschiedenen Zugänge auf und Annäherungen an die epistemologischen und zeitlichen Dimensionen von Übergangsphänomenen genommen. In einer Zeit, in der „Interdisziplinarität“ zu einem Schlagwort zu verkommen droht – unumgänglich für die allerorts grassierende ‚Drittmittel-Antragsprosa-Logik‘, aber meist inhaltsleer, wenn sich besagter Austausch nur auf die Kolleg:innen hinten im selben Uniflur beschränkt –, zeigte diese öffentliche Block-Ringvorlesung, wie anregend Austausch über die disziplinären Grenzen hinaus sein kann und sein sollte: keine definitiven Antworten gebend, sondern den Horizont des neugierigen Fragens durch gemeinsames Denken erweiternd. Wenn sich, wie skizziert, beispielsweise geologische, theologische, performative, literaturwissenschaftliche und begriffsgeschichtliche Perspektiven bereichern, dann kommt alles in Bewegung und „Der Tag danach“ wird zu vielen „Tagen danach“ von denen einige auch einmal waren oder bereits gewesen sein werden. Vielleicht sitzen wir ja noch immer – oder schon wieder – mit dem Engel der Geschichte in der Hütte und versuchen uns um unsere Ruinen zu kümmern; oder wie es in Stanley Kubricks The Shining zu Jack Nicholson heißt, der im Overlook-Hotel, seiner Ruine, sitzt:
“You’ve always been the caretaker. I should know, sir. I’ve always been here.”

 

Über den Autor: Robert A. Winkler, Universität Salzburg

Editorial Review

Rechte: CC-BY 4.0

 

Empfohlene Zitierweise: Robert A. Winkler: „‚In welcher Ruine lebe ich, oder: Wann war die Hütte?‘ Konferenzbericht von ‚Der Tag danach. Phasen der Latenz, des Ausbruchs und der Neuordnung in Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst‘“, in: Figurationen des Übergangs, Jg. 2025, S. 1–6. DOI: 10.25598/transitionen-2025-5

Anmerkungen:

[1] Joseph Vogl: Was ist ein Ereignis?, Vortrag, 26.10.2003, Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe. URL: https://zkm.de/de/josef-vogl-was-ist-ein-ereignis (letzter Zugriff: 25.11.2025).

[2] Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, in: Gesammelte Schriften. Erster Band, erster Teil, hg. v. Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a. M. 1991, S. 697, 698; Hervorhebung im Original.