50 Jahre Nelkenrevolution in Portugal: Soziale, künstlerische und literarische Übergänge zur Demokratie
Tagungsbericht von Markus Ebenhoch, Cláudia Fernandes und Christopher F. Laferl
Die Nelkenrevolution vom 25. April 1974 markierte eine Zäsur in der portugiesischen Geschichte. An diesem Tag endete der sogenannte Estado Novo (Neuer Staat), ein autoritäres Regime, das 48 Jahre lang bestand und die Geschichte, Politik, Kultur und Gesellschaft Portugals im 20. Jahrhundert maßgeblich prägte. Bereits 1910 erlebte Portugal den Zusammenbruch der seit dem 12. Jahrhundert bestehenden Monarchie und die Ausrufung der Republik. Die junge Republik hatte jedoch Schwierigkeiten, sich zu stabilisieren, bedingt auch durch den Ersten Weltkrieg, der inzwischen ausgebrochen war und an dem Portugal nach anfänglicher Neutralitätserklärung auf Seiten der Alliierten teilnahm. 1926 stürzte ein Militärputsch die Republik und führte zu einem autoritären Regime unter der Führung von Óscar Carmona, der António de Oliveira Salazar, damals Wirtschaftsprofessor der Universität Coimbra, zum Finanzminister ernannte. In den folgenden Jahren übernahm Salazar die wichtigsten Regierungsämter, darunter das Amt des Ministerpräsidenten, wodurch ein Großteil der Macht in seinen Händen konzentriert war. Die Phase des ‚Salazarismo‘ im engeren Sinne endete durch das gesundheitsbedingte Ausscheiden Salazars aus dem Amt 1968 und seinen Tod zwei Jahre später. Unter Salazars Nachfolger, Marcello Caetano, wurden zaghafte Reformen unternommen, doch am autoritären und repressiven Charakter des Regimes änderte sich nur wenig.
Der Estado Novo legitimierte sich durch die Verfassung von 1933 und hatte einen autoritären, konservativen, nationalistischen und kolonialistischen Charakter. Sein Motto Deus, Pátria e Família (Gott, Vaterland und Familie) verdeutlichte die ideologischen Prinzipien und brachte den Einfluss der katholischen Kirche auf die Gesellschaft zum Ausdruck. Das portugiesische Staatsgebiet beschränkte sich zu dieser Zeit nicht auf die europäischen Grenzen, sondern erstreckte sich auf die Kolonien in Afrika (Angola, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik und São Tomé und Príncipe), das sogenannte ‚Portugiesisch-Indien‘ (Goa, Damão und Diu), Macau und Osttimor. Selbst nachdem andere europäische Großmächte wie Frankreich und Großbritannien die Unabhängigkeit ihrer ehemaligen Kolonien in den 1960er Jahren anerkannt hatten, gab Portugal seine Überseegebiete nicht auf und verstand sich weiterhin als ein multikontinentaler Staat. Während dieser Zeit war Portugal ein weitgehend isoliertes, armes Land mit hoher Analphabetenrate und Auswanderungsquote. Politische Dissidenz wurde verfolgt, Zensur und Repressalien durch die politische Polizei PIDE gehörten zum Alltag, was eine allgemeine Kultur der Angst etablierte.
Nachdem in den Kolonien gewaltlose Methoden nicht zum Erfolg der Selbstbestimmung führten, griffen 1961 afrikanische Unabhängigkeitskämpfer zu den Waffen, und es folgte ein blutiger Krieg gegen die portugiesische Armee in Angola, Guinea-Bissau und Mosambik. Dieser jahrelange Konflikt markierte den Anfang vom Ende des Estado Novo. Denn es waren gerade die portugiesischen Soldaten, die die Aussichtslosigkeit des Kriegs erkannten und ein Ende der Kämpfe forderten. Schließlich stürzten junge Offiziere, die sogenannten Capitães de Abril (April-Hauptmänner), das autoritäre Regime im April 1974. Ihren Namen hat die ‚Nelkenrevolution‘ von der symbolischen Geste der Bevölkerung, die den Soldaten Nelken in die Gewehrläufe steckten. In den darauffolgenden eineinhalb Jahren erkannte Portugal die Selbstbestimmung der ehemaligen Kolonien an.[1]
Aufmarsch am 25. April 2017 auf der Praça Marquês de Pombal in Lissabon. Foto: Markus Ebenhoch
Die Nelkenrevolution vom 25. April 1974 hatte unmittelbare Auswirkungen auf Portugal, in weiterer Folge auch auf die gesamte portugiesischsprachige Welt, das Nachbarland Spanien und das übrige Europa. Bis heute ist die Nelkenrevolution ein zentraler Referenzpunkt für das portugiesische Selbstverständnis. In Portugal wird der Nelkenrevolution zu offiziellen Anlässen gedacht, auf künstlerische Weise drücken sich aber auch alternative Formen der Auseinandersetzung mit diesem besonderen historischen Ereignis aus. Für viele Portugies:innen ist es selbstverständlich, am sogenannten Dia da Libertade (Tag der Freiheit) einen Feliz 25 de Abril (Frohen 25. April) zu wünschen.
Im Rahmen der weltweiten Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der portugiesischen Nelkenrevolution fand am 21. November 2024 im Salzburger W&K-Atelier in Kooperation mit der Botschaft der Republik Portugal und der portugiesischen Kultureinrichtung Instituto Camões das international besetzte englischsprachige Kolloquium 50 years of the Carnation Revolution in Portugal: Social, Artistic, and Literary Transitions to Democracy statt. Markus Ebenhoch, Cláudia Fernandes und Christopher F. Laferl, die das Kolloquium konzipierten und organisierten, wollten mit dieser Veranstaltung ein Zeichen setzen. In einer Zeit, in der autoritäre politische Tendenzen in Europa und in vielen Teilen der Welt leider wieder auf dem Vormarsch sind, scheint die Erinnerung an die Nelkenrevolution und ihre Errungenschaften mehr als dringlich.
Die Tagung begann mit einer Begrüßung und kurzen Einführung durch die germanistische Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Leiterin der Interuniversitären Einrichtung Wissenschaft & Kunst Caitríona Ní Dhúill, die darauf aufmerksam machte, dass der Wechsel von Diktaturen zu Demokratien immer mit Schwierigkeiten und Leid, aber auch mit Freude und Hoffnung verbunden ist und Demokratisierungsprozesse nie als abgeschlossen betrachtet werden dürfen.
Im Anschluss erklärte Miguel Almeida e Sousa, der Botschafter der Republik Portugal in Österreich, dass er der letzten Generation jener Portugies:innen angehöre, die das portugiesische Kolonialreich noch selbst miterlebt haben. Die Nelkenrevolution habe nicht nur einen politischen Paradigmenwechsel, sondern auch eine kollektive Identitätskrise ausgelöst, so Almeida e Sousa. Was war Portugal nach dem Ende des faschistischen Estado Novo und der Auflösung des Kolonialreiches? Nach Jahrhunderten der Präsenz in Afrika, Asien und Brasilien sah sich Portugal auf das europäische Kernland sowie die Atlantikinseln Madeira und Azoren beschränkt. 1974 war der Weg klar: Ein Zurück in die Vergangenheit sollte es nicht geben, demokratische Werte sollten fortan die portugiesische Politik bestimmen.
Matthias Heinz, Dekan der Kulturwissenschaftlichen Fakultät, und Bernhard Pöll, Leiter des Fachbereichs Romanistik, erläuterten, dass die Universität Salzburg die erste österreichische Universität war, die Portugiesisch als eigenständiges Studienfach etabliert hat. Seit den 1970er Jahren werden in Salzburg Lehre, wissenschaftliche Tagungen und verschiedenste Kulturveranstaltungen angeboten, um das Interesse an der portugiesischsprachigen Welt zu fördern.
Nach diesen einführenden Worten moderierte Markus Ebenhoch den ersten Teil des interdisziplinären Kolloquiums, in dem der historische und politische Kontext der Nelkenrevolution beleuchtet wurde. Den Auftakt machte Gregorio Sabater Navarro (Universität Sevilla) mit seinem Vortrag Paths to Democracy: Revolution and Reform in the Iberian Peninsula (1974–1982). Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht wurden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden iberischen Länder bei der Überwindung ihrer jeweiligen Diktaturen dargestellt. In Portugal beendete ein weitgehend unblutiger Militärputsch den Estado Novo. Die Nelkenrevolution fand sofort eine überwältigende Zustimmung in der portugiesischen Bevölkerung. In Spanien vollzog sich die transisción nach dem Tod des langjährigen Diktators Francisco Franco im November 1975 als Top-down-Prozess, da der Übergang zur Demokratie von der politischen Elite ausgehandelt und per Dekret festgelegt wurde. Obwohl es in Portugal und Spanien viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Ende der Regime und den neuen politischen Realitäten ab den 1980er Jahren gab, divergieren die Übergangsprozesse in beiden Ländern erheblich. Auf der einen Seite steht die von den portugiesischen Streitkräften initiierte Bewegung, die ein sozialistisch verstandenes Gemeinwohl für alle anstrebte und in der revolutionären Phase der ersten Monate nach der Nelkenrevolution zahlreiche Bottom-up-Prozesse initiierte. Auf der anderen Seite entschied die politische und wirtschaftliche Elite Spaniens nach dem Tod Francos über die politische Zukunft Spaniens.[2]
Im Anschluss beleuchtete Raquel Vaz Pinto (Universität NOVA Lissabon) in ihrer Präsentation 50 Years of Portuguese Foreign Policy: A Critical Appraisal die Folgen der Nelkenrevolution aus politikwissenschaftlicher Perspektive. Neben den offensichtlichen Verbesserungen hinsichtlich des Demokratie- und Freiheitsverständnisses bei der portugiesischen Bevölkerung wurde auch die Position Portugals im internationalen Kontext gewürdigt. War das Regime rund um António de Oliveira Salazar bzw. Marcello Caetano bis 1974 mehrmals wegen seiner repressiven Kolonialpolitik verurteilt worden, so hat sich seit der Nelkenrevolution das Bild des Landes auf der internationalen Bühne grundlegend gewandelt. Es nimmt Beobachter- und aktive Vermittlerrollen bei Konflikten ein, beteiligt sich an Friedensmissionen und seine Repräsentanten bekleiden wichtige Positionen in internationalen Institutionen, aktuell etwa António Guterres als Generalsekretär der Vereinten Nationen und António Costa als Präsident des Europäischen Rates. Raquel Vaz Pinto machte auch darauf aufmerksam, dass die Nelkenrevolution die Sichtbarkeit der Frauen deutlich erhöht habe. Die weibliche Bevölkerung habe am meisten von den politischen und sozialen Veränderungen profitiert, da sie Zugang zu höherer Bildung und Berufen erhalten habe, die ihnen zuvor verschlossen waren.[3]
Im zweiten Teil des Kolloquiums, moderiert von Christopher F. Laferl, wurde die mannigfaltige Kulturproduktion im Zusammenhang mit der Nelkenrevolution diskutiert. In seinem Vortrag The Carnation Revolution in Angolan Fiction präsentierte Johannes Hofer-Bindeus (Universität Salzburg) drei bedeutende angolanische Gegenwartsautoren. In ihren Romanen erzählen José Eduardo Agualusa, Sousa Jamba und José Luís Mendonça nicht nur von den unmittelbaren Auswirkungen der Nelkenrevolution, primär die Unabhängigkeit Angolas, sondern auch von der postkolonialen Intention, Angola zu ‚angolanisieren‘. Allerdings drohte bereits ein neuer Krieg, denn die Meinungsverschiedenheiten innerhalb Angolas über den Weg, den das Land nach dem Ende der portugiesischen Herrschaft einschlagen sollte, sowie die internationalen Machtverhältnisse zur Zeit des Kalten Krieges führten zu einer aufgeladenen und gewaltbereiten Stimmung. Die Freude über die erlangte Unabhängigkeit zeigte sich daher schon von Anfang an getrübt.[4]
Cristina Pratas Cruzeiro (Universität NOVA Lissabon) beleuchtete in ihrem Vortrag The Artistic Performativity of the Carnation Revolution and the Wall Painting die Street Art der Revolutionszeit in Portugal. Die Kritik am autoritären Estado Novo äußerte sich in Slogans wie A arte fascista faz mal à vista (Faschistische Kunst schadet den Augen) und in öffentlichen Performances, in denen faschistische Kunstwerke auf kreative Weise neu in Szene gesetzt wurden, ohne in einen simplen Ikonoklasmus zu verfallen. Nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch prägend waren die unzähligen Wandmalereien, die in ganz Portugal, vor allem im urbanen Raum, entstanden. Obwohl alle politischen Parteien auf den Wänden vertreten waren, dominierten die verschiedenen linken Parteien das Straßenbild. Durch ihre Symbolik wie Hammer und Sichel, rote Fahnen oder repräsentative Arbeitergruppen waren sie leicht mit bestimmten politischen Gruppierungen zu identifizieren und sollten die Einstellung der Bevölkerung ideologisch prägen. Die Palette reichte von spontanen Graffiti über die Beauftragung namhafter Künstler durch die Parteien bis hin zu öffentlichen Happenings, bei denen ‚einfache Leute‘ in das Kunstschaffen einbezogen wurden.[5]
Ernesto de Sousa: Wandgemälde in der Avenida Fontes Pereira de Melo in Lissabon, 1975. Foto: Arquivo Municipal de Lisboa, PT/AMLSB/ESO/001068
Cláudia Fernandes (Universität Salzburg, Universität Wien und Camões I.P.) analysierte in ihrem Vortrag The Portuguese Song Contest (1964–74), the Feminine Role and the Revolution die Siegerlieder des Festival da Canção Português (Portugiesisches Liederfestival) zwischen 1964 und 1974. In den ersten Ausgaben dieses im Fernsehen ausgestrahlten Wettbewerbs sangen die Gewinner:innen primär über Liebesbeziehungen, in denen männliche Figuren die dominante Rolle spielten und die Frauen mit ihren Wünschen und Sehnsüchten praktisch unsichtbar blieben. Die Frauen verkörperten vorrangig die Rolle von Hausfrauen, die für den Dienst an Deus, Pátria e Família geschaffen seien. Erst mit den zaghaften Reformen unter Marcello Caetano (1968–1974) eröffneten sich neue künstlerische Freiheiten, so dass ein Lied wie Desfolhada Portuguesa (Portugiesische Entblätterung) von Ary dos Santos, interpretiert von Simone de Oliveira, nicht nur am Wettbewerb teilnehmen, sondern diesen auch unter großem Beifall gewinnen konnte. Einerseits beschreibt das Lied die landwirtschaftliche Arbeit unter sengender Hitze auf einem Maisfeld in der südlichen Region des Alentejo und artikuliert mit den Versen Oh minha terra / Casca de noz / Desamparada (Oh, mein Land / Nussschale / hilflos) eine wenig verhaltene Kritik an der aktuellen Situation des Landes. Auf der anderen Seite wird eine glühende Liebesbeziehung geschildert, die mit der Liedzeile Quem faz um filho, fá-lo por gosto (Wer ein Kind macht, soll das mit Lust tun) unauslöschlich in die portugiesische Kultur eingegangen ist, weil hier die sexuelle Fortpflanzung überraschend mit dem von der katholischen Moral verpönten Lustprinzip verbunden wird. Dieses Lied zeigt deutlich, dass bereits ein Wind des Wandels wehte.
Abschließend wurde die von verschiedenen portugiesischen Institutionen initiierte und geförderte Ausstellung O legado de um cravo (Das Vermächtnis einer Nelke) eröffnet, die auf 12 Tafeln den Weg von der Salazar-Diktatur bis zur Verfassung von 1976 nachzeichnet. Ein Schwerpunkt der didaktisch aufbereiteten Schau lag auf der Unfreiheit im faschistischen Estado Novo, ein anderer auf dem aufopferungsvollen Kampf um demokratische Grundrechte, der bis heute inspiriert.
Ausstellung O legado de um cravo, W&K-Atelier, 21. November 2024. Foto: Johanna Pfaffenberger
Anmerkungen:
[1] Vgl. Walther L. Bernecker und Horst Pietschmann: Geschichte Portugals. Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, München 2014; Dietrich Briesemeister und Axel Schönberger (Hg.): Portugal heute: Politik. Wirtschaft. Kultur, Frankfurt am Main 1997; Teresa Pinheiro, Robert Stock und Henry Thorau (Hg.): Fünfzig Jahre Nelkenrevolution: Transkulturelle und Intermediale Perspektiven auf Portugals demokratischen Wandel seit 1974, Bielefeld 2024.
[2] Vgl. Gregorio Sabater: Las transiciones ibéricas: influjos y convergencias en la democratización peninsular, Madrid 2019.
[3] Vgl. Raquel Vaz Pinto: Os Portugueses e o Mundo, Lissabon 2014.
[4] Vgl. José Eduardo Agualusa: Estação das Chuvas, Lissabon 1996; Sousa Jamba: Patriots, London 1990; José Luís Mendonça: O Reino das Casuarinas, Alfargide 2014.
[5] Vgl. Cristina Pratas Cruzeiro: Atitude 74. Pichagem e pintura mural na Revolução de Abril, Lissabon 2024.
Über die Autor:innen:
Markus Ebenhoch, Universität Salzburg
Cláudia Fernandes, Universität Salzburg, Universität Wien und Camões – Instituto da Cooperação e da Língua, I.P.
Christopher F. Laferl, Universität Salzburg
Editorial Review
Rechte: CC-BY 4.0
Empfohlene Zitierweise: Markus Ebenhoch, Cláudia Fernandes und Christopher F. Laferl: „50 Jahre Nelkenrevolution in Portugal: Soziale, künstlerische und literarische Übergänge zur Demokratie“, in: Figurationen des Übergangs, Jg. 2025, S. 1–8. DOI: 10.25598/transitionen-2025-4
